Nachdem ich diesen Herbst bereits PAX und Eine Handvoll Glück gelesen habe, geht es für mich ebenso tierisch weiter. Darüber freue ich mich sehr. Diesmal sind Pinguine die Protagonisten. Klemens Pütz, einziger deutscher Pinguinforscher, gibt in Unverfrorene Freunde Einblick in das atemberaubende Leben der niedlichen Frackträger am anderen Ende der Welt.

Ich bin auf dieses Buch – anders als bei Eine Handvoll Glück, dem ich bereits seit Januar entgegenfieberte – zufällig aufmerksam geworden, denn es wurde bei vorablesen verlost. Neugierig geworden durch das Cover, habe ich die Leseprobe gelesen, einen Leseeindruck verfasst und dann kaum den Hibbeldienstag abwarten können. Die Gewinnbenachrichtung in meinem Postfach erlöste mich, ich durfte Unverfrorene Freunde vorablesen.

Unverfrorene Freunde

Mein Alltag als Pinguinforscher ist eher unromantisch. Eine Pinguinkolonie riecht wie
Fischmarkt am Abend, nur dreimal so schlimm.
(9)

Bereits das Vorwort hat es in sich. Schon auf den ersten Seiten räumt Pütz mit dem verklärten Bild des süßen, niedlichen Pinguins auf. Er wisse darum, dass die scheinbare Unbeholfenheit des Tieres an Land ihn so sympathisch und zu everbodies darling mache, aber das entspräche nicht der Realität. Die Arbeit mit Pinguinen sei hart, so Pütz. Aber nichtsdestotrotz ist er zufrieden mit seiner Berufswahl – für ihn ist es der beste Job der Welt.

Pütz ist Wissenschaftler und seine Mission ist es, herauszufinden, wieso die Pinguinbestände so rapide abnehmen. Es gibt insgesamt 18 Pinguinarten, 10 davon sind gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. 4 Monate im Jahr verbringt Pütz am anderen Ende der Welt, sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Falklandinseln. Dort versucht er herauszufinden, was Pinguine im Wasser so treiben, wer ihre Feinde sind usw.

Die Prämisse hinter dem Buch finde ich wirklich sehr schön: Pütz möchte sensibilisieren, aufklären und informieren. Er erforsche Pinguine, um sie zu schützen. Mit Unverfrorene Freunde unternimmt er den Versuch, die Aufklärung außerhalb der Wissenschaft voranzutreiben, denn nur was man kenne und liebe, schütze man, so Pütz. Dass ihm die kleinen Frackträger sehr am Herzen liegen, erkennt man als Leser deutlich.

Schreibstil & Aufmachung

Schon, wenn man den Buchschnitt betrachtet, erkennt man, dass Fotomaterial in diesem Buch inkludiert ist. Das finde ich sehr schön und ich konnte es kaum erwarten, die Bilder zu betrachten. Sie zeigen nicht nur niedliche Pinguine, sondern dokumentieren auch die Arbeit Pütz‘ und die seines Forschungsteams. Ich muss ehrlich zugeben, dass sieht alles sehr beeindruckend aus – ich bin fasziniert.

Der Schreibstil ist locker, leicht und schafft es, Theoretisches ansprechend zu verpacken. Die witzigen Elemente, die an manchen Stellen eingestreut werden, sind meiner Meinung nach teilweise ein wenig plump, aber nichtsdestotrotz schafft es ein Bewusstsein für die Problematik. Insgesamt muss man sagen, dass mich Unverfrorene Freunde für ein Sachbuch ausgesprochen gut unterhalten hat, das habe ich tatsächlich nicht erwartet.

Spagat zwischen Wissenschaft & Populärwissenschaft

Das Buch hat für mich aber auch ein ganz großes Manko. An manchen Stellen ist mir die Ausdrucksweise einfach zu harsch. Pütz ist oft sehr radikal mit seinen Aussagen. Auch, wenn er sie anschließend in der Regel relativiert, bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack. Vermutlich tut er das, weil es notwendig ist, damit Pinguine nicht weiter verhätschelt werden, aber ich persönlich habe mich sehr daran gestört.

Auch über die Passage, man solle menschliche Verhaltensweisen und Gefühle nicht auf Pinguine (und Tiere allgemein) übertragen, einfach weil sie „menschengemacht“ sind, bin ich gestolpert. Moral ist eine menschliche Kategorie, soweit sogut. Damit gehe ich vollkommen d’accord. Aber noch im gleichen Abschnitt schreibt er, dass er selbst dazu neige, Pinguine zu vermenschlichen, „weil es Spaß macht. Und weil ich sie mag.“. (36)

Ich kann gar nicht wirklich in Worte fassen, was mich hieran genau stört. Vermutlich ist es die Hierarchie, die durch solche Aussagen zwischen ihm und der Leserschaft entsteht: Er, der erhabene, allwissende Wissenschaftler, der dem Leser mit erhobenem Zeigefinger erklärt, dass Pinguine weder nett noch niedlich sind. Apropos erhobener Zeigefinger. Ich habe generell das Gefühl, dass Pütz gerne meckert, ständig stolpere ich über belehrende Abschnitte, durch die ich mich als Leser ein wenig unwohl fühle. Ich möchte kein Buch lesen, das in mir diese Gefühle auslöst.

Vielleicht ist dies aber auch einfach nur ein persönliches Problem. Ich bin selbst Wissenschaftlerin und kann verstehen, dass es schwierig ist, wissenschaftliche Ergebnisse außerhalb des Elfenbeinturms zu präsentieren und doch hätte mir gewünscht, dass dies besser gelöst worden wäre. So erweckt es für mich ein wenig den Anschein, als spreche er dem Leser die Fähigkeit ab, die Problematik selbst adäquat zu erfassen.

Schlussbetrachtung

Gerade als Tierfreund freue ich mich, dass es dieses Buch gibt. Denn es ist wichtig, über unsere Erdbewohner Bescheid zu wissen und wer kann hier besser informieren als jemand, der über Jahrzehnte das Verhalten und den Lebensraum der niedlichen Frackträger erforscht. Deswegen an dieser Stelle ein großes Dankeschön für dieses Buch und den damit verbundenen Einblick in den Alltag eines Pinguinforschers.

Ich finde es schön und wichtig, dass direkt im Vorwort mit Mythen um Pinguine aufgeräumt wird. Pütz schaut auch ein wenig über den Tellerrand und widmet knapp ein Drittel des Buches den Gefahren, den Pinguine ausgesetzt sind – Stichwort Schifffahrt, Fischerei und Klimaerwärmung. Außerdem freue ich mich, dass im Anhang weiterführende Literatur zum Thema genannt wird. Das läd zum Weiterlesen ein und das ist großartig.

Im Vergleich zu Eine Handvoll Glück von Massimo Vacchetta ist Unverfrorene Freunde vollkommen anders aufgebaut. In beiden Büchern geht es um Tiere – Bei Vacchetta um Igel, hier um Pinguine -, beide möchten auf eine Tierart hinweisen, die mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Das Igelbuch, wie ich Eine Handvoll Glück liebevoll nenne, ist emotional, man baut schon nach kurzer Zeit eine Bindung zum Autor auf. Unverfrorene Freunde hingegen ist sachlich, informativ, distanziert. Obwohl Pütz von seiner Hochzeit auf den Falklandinseln erzählt und man ihn auf mehr Fotos als Vacchetta zu Gesicht bekommt, bleibt das Buch die ganze Zeit hindurch unpersönlich. So liegt der Fokus zwar klar auf den Pinguinen, aber ich hätte mich gefreut, wäre ich emotional involvierter gewesen.


Vielen Dank an Ullstein und vorablesen für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.