Die Frau hinter Bullerbü – „Astrid Lindgren“ von Susanne Lieder | Rezension
Als ich zu Astrid Lindgren von Susanne Lieder gegriffen habe, wollte ich eigentlich gedanklich nur in meine Kindheit zurückkehren. Ich wollte noch einmal eintauchen in dieses warme, sichere Gefühl, das ich so sehr mit Astrid Lindgren verbinde. Ich war neugierig und wollte wissen, wer die Frau hinter meinen Kindheitsheldinnen war. Was ich nicht erwartet habe: Dass dieses Buch meine Lesegewohnheiten verändern würde.
Es war meine erste Romanbiographie und sie hat mich auf eine ganz besondere Weise berührt. Schon während dem Lesen wurde mir klar, dass ich auf diese gewissermaßen lebendige Art weitere Menschen und deren Lebensgeschichten kennenlernen möchte. Es ist nicht wie eine klassische Biographie geschrieben, die Fakten trocken aneinanderreiht, sondern eben wie ein Roman, der Leben spürbar macht und dich in das Geschehen mit reinholt. Manchmal hat es sich angefühlt, als säße ich irgendwo auf Astrids Bauernhof in Näs oder in ihrer Wohnung in Stockholm und erlebe hautnah mit, was sie erlebt. Natürlich darf man nicht vergessen, dass es sich „nur“ um eine Romanbiographie handelt. Aber gerade das Erzählerische, das Atmosphärische, das hat für mich dazu geführt, dass Astrid Lindgren eine Frau aus Fleisch und Blut wurde und nicht „nur“ die Kinderbuchautorin blieb.
Meine Kindheit mit Astrid Lindgren
Natürlich bin ich mit Astrid Lindgren aufgewachsen. Ihre Bücher waren fester Bestandteil meiner Kindheit – und sind es in gewisser Weise bis heute geblieben. Bullerbü war immer mein Safe Space. Die Welt von Wir Kinder aus Bullerbü war für mich ein Ort der Geborgenheit. Eine Welt, in der das Leben einfach schien, in der Kinder draußen gespielt haben, Abenteuer erlebten und doch immer sicher waren. Und dann erinnere ich mich auch noch sehr gut an Lotta – mit den Verfilmungen von Lotta aus der Krachmacherstraße, deren Bilder ich bis heute vor Augen habe. Ferien auf Saltkrokan lösen bei mir direkt Nostalgiegefühle aus. Und mit Michel aus Lönneberga (der im schwedischen Original ja Emil heißt) verbinde ich die vorweihnachtlichen Wochenenden, an denen man vor dem Fernseher mit Michel in den Tag startete. Eine schöne, unbeschwerte Zeit – ich habe wirklich nur gute Erinnerungen an ihre Geschichten.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich bis heute unbedingt einmal nach Schweden, nach Vimmerby reisen möchte. Weil ich dieses Gefühl wiederfinden will, dieses Bullerbü-Gefühl., dieses „Alles ist gut“-Gefühl. Als Kind habe ich Astrid Lindgren allerdings gar nicht wirklich als Person wahrgenommen. Für mich war sie irgendwie einfach Pippi. Die Frau hinter den Geschichten – darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Und ich glaube, das ist ganz normal. Als Kind interessiert einen das Abenteuer, nicht die Autorin. Umso spannender war es für mich, sie nun als Frau kennenzulernen.

Die Frau hinter den Geschichten, die Generationen von Kindern glücklich machten
Der Roman von Susanne Lieder zeichnet Astrid Lindgrens Leben sehr nah an den bekannten biographischen Fakten nach – auch wenn es natürlich erzählerisch ausgestaltet ist. Aber das finde ich überhaupt nicht schlimm.
Besonders mochte ich es, die junge Astrid kennenzulernen. Diese Zeit muss für Astrid zweifelsohne sehr intensiv gewesen sein und selbst als Leser spürt man diese emotionale Intensivität auf jeder Seite. Astrids große Verliebtheit in jungen Jahren, die uneheliche Schwangerschaft, die zur damaligen Zeit noch für jede junge Frau einen gesellschaftlichen Skandal bedeutet hat und schließlich die Geburt ihres Sohnes fernab der Heimat. Die innerliche Zerrissenheit Astrids zwischen gesellschaftlichem Druck, Mutterliebe und aber auch den schon immer in Astrid angelegten Wunsch nach Selbstbestimmung – all das hat mich beim Lesen wirklich sehr bewegt. Hier sieht man Astrid nicht als erfolgreiche Kinderbuchautorin, sondern als junge Frau, die Entscheidungen in ihrem Leben treffen musste, die alles andere als leicht waren.
Nicht weniger spannend fand ich ihren späteren Weg nach Stockholm, ihren beruflichen Alltag und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und wie sich darüber fast beiläufig das Erzählen und Geschichtenschreiben in ihr Leben geschlichen hat. Aus einer improvisierten Geschichte für ihre Tochter Karin entstanden die Erzählungen zu Pippi Langstrumpf – irgendwie völlig verrückt, wenn man rückblickend jetzt sieht, wie dieser unscheinbare Beginn von Pippi zu so großen Geschichten wurde, die Kinder über Generationen und Ländergrenzen hinweg begleiteten und immer noch begleiten.
Mehr als „nur“ eine Kinderbuchautorin
Was beim Lesen des Buches eigentlich sofort deutlich wird ist, dass Astrid Lindgren weit mehr war als „nur“ eine Kinderbuchautorin. Sie war eine Frau mit klarer Haltung. Sie setzte sich öffentlich für Kinderrechte ein, engagierte sich gegen Gewalt in der Erziehung und mischte sich politisch ein. Diese Seite von ihr war mir vorher kaum bewusst. Für mich war sie lange einfach die Schöpferin von Bullerbü und Pippi. Aber umso mehr ich in diesem Buch gelesen habe, umso mehr Facetten habe ich von Astrid entdeckt. Zu lesen, wie viel Mut, Intelligenz und gesellschaftliches Engagement hinter dieser herzlichen und fröhlichen Autorin Astrid Lindgren steckt, hat meinen Blick auf sie nachhaltig verändert.
