Heute ist Zeit für eine kleine Premiere auf Literally Sabrina, ich habe nämlich meine erste Graphic Novel gelesen. Gefunden habe ich dieses kleine Schätzchen auf der vergangenen Buchmesse in Frankfurt in der Halle des Gastlandes (meinen Beitrag zur Buchmesse findet ihr hier). Als ich durch die Reihen ging, ist mir diese Graphic Novel aufgrund ihres in Capslock geschriebenen Titels direkt ins Auge gesprungen. Ich griff danach und blätterte mich durch die farblich illustrierten Seiten.

Ich habe während meines Studiums, gerade jetzt in der Abschlussphase meines Masters, zahlreiche Seminare besucht, die sich mit Privatheit und dem Internet als öffentliche Sphäre, als Kommunikationsraum beschäftigen und darunter eben auch genau mit dieser Thematik, Privatheitsverletzungen durch Big Data. Mein Interesse war also geweckt. Nachdem ich dann auch noch festgestellt habe, dass die Graphic Novel auf den ersten Blick sehr wertig aufbereitet wurde, war für mich klar, dass sie auf meine Merkliste und später auf meinen Wunschzettel für Weihnachten wandern wird.

WORUM GEHT ES? – Klappentext

Am Supermarkt geben wir der Kassiererin beim Bezahlen ein Kärtchen, auf dessen Chip unsere Treuepunkte vermerkt sind, und durch den die Supermarktkette unser Einkaufsverhalten kennenlernt. Autoversicherungen gehen dazu über, mit Chips im Auto das Fahrverhalten ihrer Kunden zu überprüfen, und Krankenversicherungen nehmen gern unsere Fitnessdaten in Empfang. Dafür gibt es Rabatte auf den Einkauf und auf die Versicherungspolicen. Und Firmen tauschen ihre Daten aus.

Wer wenig für seine Gesundheit tut und schlecht Auto fährt, ist wahrscheinlich auch kein besonders sicherer Kreditnehmer, so heißt es. Wer seine Daten nicht herausrückt, zahlt also mehr als die anderen und gerät bald in Verdacht, etwas zu verbergen zu haben. Die Datensammelei der großen Internetfirmen beginnt die Gesellschaft zu verändern. Wer keine Daten preisgibt, lebt teurer und isoliert sich sozial. Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen, und die Autoren dieses Comics haben sie interviewt und ihre Erkenntnisse im Selbstversuch getestet. (Quelle: Jacoby & Stuart)

Neugierig geworden? Hier geht es zur Leseprobe!

MEINE LESEEINDRÜCKE

Die Graphic Novel Big Data ist mit ihren knapp 60 Seiten sehr kurzweilig und transportiert in dieser Kürze aber sehr viele wichtige Botschaften und Informationen, sodass ich auch noch Tage nach der Lektüre über die Inhalte nachdenke.

Bevor ich auf den Inhalt des Buches eingehe, der mich – so viel sei schon einmal verraten – zweifellos überzeugen konnte, möchte ich noch einige Worte über die Graphic Novel an sich verlieren. Denn auch neben dem Inhaltlichen konnte mich diese Graphic Novel überzeugen. Die Panels an sich sind durchgängig farbig, wobei sich das Farbschema immer ändert. Angefangen bei blauen Panels geht es über grüne Illustrationen bis hin zu gelb und orange. Diese Abwechslung finde ich sehr erfrischend.
Auch, dass die Panels unterschiedliche Abmessungen und vor allem unterschiedliche Formen haben, gefällt mir sehr gut. Dadurch entsteht eine gewisse Dynamik, die frischen Wind und eine gewisse Leichtigkeit in Big Data bringt, das ja sonst eine inhaltlich eher trockene Thematik behandelt.

Der Witz, der innerhalb der Dialoge entsteht, ist meiner Meinung nach gut platziert und gibt dem Leser das Gefühl, dass die Autoren nicht mit erhobenem Zeigefinger auf den Leser einreden und ihn dafür rügen wollen, dass er die verschiedenen Social Media Kanäle nutzt. Vielmehr signalisiert es, dass die Graphic Novel ein Phänomen behandelt, dass uns alle gleichermaßen betrifft. Eine sehr schöne Geste. Chapeau!

Auch, wenn der Inhalt der Graphic Novel anspruchsvoll und zum Teil ein wenig wissenschaftlich wirkt, so schaffen es die Autoren doch, die Bubbles allgemeinverständlich zu formulieren. Insgesamt ist Big Data leicht zugänglich und empfiehlt sich nicht nur als wissenschaftliche Lektüre. Im Gegenteil, gerade dadurch dass die Thematik der Privatheit in einer Graphic Novel behandelt wird, macht diese Problematik leicht zugänglich. Es bedarf keines Fachjargons oder sonstigem wissenschaftlichem Know-How, um Kellers und Neufelds Gedanken und Erkenntnissen zu folgen. Sehr gelungen!

Keller und Neufeld sind neben den Autoren auch gleichzeitig die Protagonisten, die in Form von Dialogen durch diese Graphic Novel führen. Diese Idee habe ich bisher so noch nicht gesehen, finde sie jedoch sehr gelungen. Denn beide sind Experten auf ihrem Feld. Keller hat Journalismus an der Columbia in New York studiert, arbeitete unter anderem bei Al Jazeera America und zahlreichen anderen Redaktionen. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Netzjournalismus, er interessiert sich insbesondere für Privatheit und Überwachung. Neufeld ist der Illustrator in dieser Runde, der realistische Zeichnungen erschafft.
Gemeinsam zeigen sie in dieser Graphic Novel, welche Rolle personenbezogene Informationen, also von Nutzern generierte Daten, für das große Universum von Big Data spielen. Begonnen wird im Jahr 2004, dem Jahr in dem Gmail eingeführt wurde. Der erste Schauplatz ist eine Konferenz, auf dieser der gescheiterte Gesetzesentwurf diskutiert wird, welcher es Google ungemein erschwerte, die abgeschöpften Daten in Ware umzuwandeln.

„Auch, wenn du nichts zu verbergen hast, bedeutet die Aufgabe von Privatheit, dass du die Hoheit über deine eigene Lebensgeschichte aufgibst und mit anderen über die Kontrolle darüber kämpfst.“ (24)

Im Anschluss daran diskutieren Keller und Neufeld die von Peppet entwickelte Unraveling Theory, die, vereinfacht gesprochen, besagt, dass es ab einem gewissen Punkt zum Nachteil wird, wenn man seine persönlichen Daten nicht in den Kreislauf einbringt. Denn die Unterlassung der Freigabe personenbezogener Informationen erweckt den Anschein, als habe man etwas zu verbergen und wirke dadurch automatisch verdächtig.
Dadurch entsteht gesellschaftlicher Druck, dem man – so die weitere Argumentation in der Graphic Novel – nicht dadurch nachgeben sollte, indem man sagt, es sei einem gleichgültig, denn man habe ja nichts zu verbergen. Dies träfe nämlich nicht den Kern Problematik, da diese eine ganz andere sei, nämlich dass Privatheit ein Wert an sich ist, den es zu schützen wert sei. Und dabei ist es belanglos, ob man etwas zu verbergen habe oder nicht.

Diesen Gedankengang finde ich interessant und wichtig. Denn es spielt wahrlich keine Rolle, ob es brisante Daten sind oder nicht, die ich zu verbergen versuche. Die Problematik greift viel früher, nämlich schon dann, wenn persönliche Daten, also Informationen, die ausschließlich meine Person betreffen, in eine Sphäre gelangen, die dort überhaupt nicht hingehören. Es sind nämlich meine Daten!
Und sobald ich – und das ist nämlich die nächste Problematik – diese in einen Kreislauf einspeise, die von Persönlichkeitsverletzungen – und das tut die digitale Sphäre zweifellos – profitiert und lebt, nicht mehr Herr über meine persönlichen Daten bin und nicht weiß, was wie wo und vor allem in welchem Umfang gesammelt, weitergegeben und ausgewertet wird. Vor allem kann ich nicht sicher sagen, welche Auswirkungen diese Kommodifizierung auf mich und mein Leben haben wird.

„Was mir noch größere Sorgen macht, ist, dass diese Dinge immer normaler werden – gegenseitige Bewertung und Überwachung spielen heute in unserem Leben eine Rolle, auch für uns als einfache Verbraucher.“ (54)

Jugendliche beispielsweise begegnen dem Phänomen völlig anders. Sie versuchen in den sozialen Netzwerken möglichst viele Informationen über sich selbst preiszugeben, damit sie zum einen zu ihrem Freundeskreis gehören, zum anderen aber – und dieser Aspekt ist viel ausschlaggebender – deswegen, weil sie dadurch bis zu einem gewissen Punkt selbst bestimmen, welches Bild von ihnen im Internet entsteht. Fehlende persönliche Informationen können so nicht hinzugedichtet werden, denn die „echte Information“ ist auch im Internet vorhanden.

Diese Herangehensweise finde ich sehr interessant. Bevor ich Studien dazu gelesen habe, die genau diesen Sachverhalt bestätigen, bin ich mehr oder weniger davon ausgegangen, dass es unter Jugendlichen üblich ist, sich in der digitalen Sphäre rar zu machen und möglichst wenige persönliche Informationen preiszugeben.

„Eine Methode, die Herrschaft über sein Bild in der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, ist also, selbst dieses Bild in der Öffentlichkeit zu definieren.“ (24)

Wie tiefgreifend diese Privatheitsverletzungen sein können, zeigen Keller und Neufeld am Beispiel der Autoversicherung. Wenn Daten individuell erhoben würden, sie also von jedem Autofahrer gespeichert würden, würde die Idee der Versicherung in Frage gestellt werden, da sie dadurch ad absurdum geführt würde. Das unterschiedliche Risikoniveau wird bei einer Versicherung auf alle Autofahrer umgelegt und dadurch funktioniert eine Versicherung. Doch diese Vorgehensweise würde bei individueller Datenerhebung nicht mehr funktionieren.

Diese Graphic Novel zeigt dem Leser – allgemein gesprochen – Szenarien auf, wie sich unsere Welt durch Big Data verändert. Welche weitreichenden und von uns gar nicht mehr überschaubaren Folgen und Risiken mit der Weitergabe bzw. Freigabe von personenbezogenen Daten einhergehe.
Welche Auswirkungen beispielsweise Fitnessarmbänder oder die Ortungsdienste im Smartphone und Navigationssystemen auf unseren Alltag haben. Oder auch das Sammeln von Treuepunkten. Indem durch die Benutzung dieser Geräte und Dienste personenbezogene Daten problemlos abgeschöpft werden können, wird ein Bild von mir im Internet – quasi ein zweites Internet-Ich – erstellt, woraufhin ich beispielsweise keinen Kredit mehr bekomme oder höhere Krankenkassen- oder Autoversicherungsbeiträge zahlen muss.

„In fünf Jahren wird das nur noch als lächerlich gelten. Weil wir dann alles aufgrund deines Alltagsverhaltens in der realen Welt herausfinden, und das ist sehr viel aufschlussreicher als das, was du selbst über dich BEHAUPTEST.“ (37)

Spinnt man diese Idee weiter, ist nicht nur man selbst gefährdet, sondern auch jeder Kontakt im Telefonbuch des Smartphones, denn durch diese Nutzungsbedingungen, die wir alle – seien wir ehrlich – bei der Installation eines jeden Programmes ungelesen und leicht genervt als gelesen markieren und wegklicken, legitimieren die großen Datenkraken ihre Abschöpfung persönlicher Daten, darunter eben auch die Telefonnummer der Kontakte im Telefonbuch. Und plötzlich hat es auch Auswirkungen, mit wem du dich umgibst, von wem du die Nummer im Smartphone gespeichert hast. Und dieses Gedankenexperiment kann man endlos fortsetzen.

SCHLUSSBETRACHTUNG

Alles in allem eine lesenswerte Graphic Novel, die eine ernste und komplizierte Thematik, die uns alle angeht, leicht und verständlich zum Ausdruck bringt. Das große Verdienst dieser Graphic Novel ist zweifellos, dass für jeden eine Botschaft enthalten ist. Gleichgültig, ob man den Graphic Novel als pures Unterhaltungsmedium konsumiert, oder ob ein wissenschaftliches Interesse dahinter steckt, Keller und Neufeld erreichen mit diesem Buch jede Zielgruppe. Und das macht für mich ein gutes Buch aus!

Witzigerweise sind die Vorbemerkungen am Ende der Graphic Novel abgedruckt. Darin sind unter anderem auch Links enthalten, über die man problemlos zu weiteren Informationen gelangen kann. Dies ist aber ausschließlich optional, denn die Graphic Novel als solche funktioniert auch ohne weiterführende Literatur. Es reicht schon das Alltagswissen eines jeden. Eine klare Kaufempfehlung!

5/5

ECKDATEN & WEITERE INFORMATIONEN

Titel: Big Data. Das Ende der Privatheit?* | Autor: Michael Keller, Josh Neufeld | Übersetzer: Edmund Jacoby | Verlag: Jacoby & Stuart | Seitenzahl: 64 | Graphic Novel mit durchgängig farbigen Illustrationen | ISBN: 978-3-946593-50-8

*Der ursprüngliche Artikel des Graphic Novels lautete Terms of Service. Nutzungsbedingungen.