Ihr Lieben, ich muss euch ein Geständnis machen. Ian McEwan ist ein Autor, mit dem ich bisher kaum in Berührung bekommen bin und wenn ich so darüber nachdenke, kann ich gar nicht sagen, wie das passieren konnte. Ich habe Am Strand im Kino gesehen und im Anschluss daran On Chesil Beach auch gelesen, erst vor wenigen Wochen habe ich die Verfilmung von Kindeswohl gesehen. Aber sonst?

Nachdem ich im vergangenen Jahr auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen einer Bloggerveranstaltung auf Maschinen wie ich aufmerksam geworden bin, wusste ich sofort, dass ich es lesen möchte. Es klingt unglaublich interessant und absolut nach meinem Geschmack. Im Anschluss habe ich mich über seine anderen Romanen informiert und auch einige Empfehlungen bekommen, welche Bücher ich mir einmal genauer ansehen sollte und genau das werde ich tun. Denn auch, wenn Maschinen wie ich mich – und da nehme ich noch nicht zu viel vorweg – mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat, hat mir McEwans Schreibstil sehr gefallen und die Klappentexte seiner übrigen Romane klingen wirklich ansprechend.

Worüber ich mich bei Maschinen wie ich besonders gefreut habe, ist, dass ich es mit Janika zusammen gelesen habe und damit endlich wieder einen buddyread hatte. Ich persönlich finde ja, dass man Bücher ganz anders liest und wahrnimmt, wenn man sie in der Gruppe liest und miteinander darüber spricht. Oft fangen kleine Dinge an, einen unfassbar zu stören, wenn man sich durch den Lesepartner in seiner Meinung bestärkt fühlt – so haben Janika und ich das zumindest empfunden. Aber auch die Freude über ein tolles Buch lässt sich zu Zweit einfach viel besser erleben.

Während der Lektüre von Maschinen wie ich hatten wir beides: Vieles hat uns ziemlich gut gefallen und wir konnten unsere Freude nur schwer in Worte fassen, gleichzeitig gab es Passagen, die wir ermüdend fanden. Aber alles in allem hat das gemeinsame Lesen das Buch für mich zu etwas ganz Besonderem gemacht, das mir – vielleicht gerade deswegen – noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Danke dafür, Janika!

Ian McEwan – Maschinen wie ich

Kommen wir nun einmal zum Buch selbst. Es ist das – zugegeben sehr futuristische – Jahr 1982 und Charlie, absolut technikaffin und interessiert an Zukunftstechnologien, ergattert einen der insgesamt 25 Androiden, die passenderweise Adam und Eve genannt wurden. Auch, wenn Charlie lieber eine Eve gehabt hätte, zieht letztlich ein Adam bei ihm ein. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Miranda, in die Charlie heimlich verliebt ist, erwecken sie ihn zum Leben. Sie schließen ihn über seinen Bauchnabel an die Steckdose an, um ihn zu laden und programmieren gemeinsam seine Eigenschaften. Als sein Akku voll geladen ist, schlägt er zum ersten Mal seine Augen auf – Adam erwacht buchstäblich zum Leben.

Bereits nach wenigen Seiten wird deutlich, wie unglaublich schnell Adam lernt und wie asymmetrisch die Beziehung zwischen Charlie und Adam dadurch wird. Adam ist Charlie sowohl physisch als auch intellektuell weit überlegen – Adam kann auf sämtliches Wissen im Bruchteil einer Sekunde zugreifen und verarbeiten. So kann er beispielsweise problemlos 26 Bücher an einem Abend lesen (Wäre das nicht ein Traum für uns Buchmenschen?). Gleichzeitig ist seine physische Stärke enorm – an einer Stelle im Roman bricht er Charlie die Mittelhandknochen ohne große Anstrengung. Knifflig wird es in Maschinen wie ich, als Adam sich ebenfalls in Miranda verliebt und dadurch eine Dreiecksbeziehung entsteht.

Ansprechender Schreibstil & leichter Einstieg

Der Schreibstil McEwans hat mich unwahrscheinlich angesprochen und ich finde ihn für die Thematik absolut passend. McEwan schreibt nüchtern, unaufgeregt, fast schon ein wenig deskriptiv und das gefällt mir richtig gut. Als auf den ersten Seiten Charlie vorgestellt wird, fühle ich mich ihm direkt verbunden. Er ist Anthropologe und das, worüber er spricht, ist, ich gebe es zu, ein wenig speziell, aber dadurch nicht minder interessant. Generell mochte ich den Einstieg richtig gerne. Unser erster Leseabschnitt umfasste die ersten 50 Seiten und als ich fertig war, hätte ich am Liebsten weitergelesen. Es ist wirklich ausgesprochen mitreißend.

Historische Bezüge

Doch bereits in den nächsten beiden Leseabschnitten, also auf den nächsten ungefähr 100 Seiten, nahm meine Begeisterung für Maschinen wie ich ein wenig ab. McEwan streut sehr viele historische Ereignisse ein, die zwar alle ein wenig modifiziert wurden, dadurch aber – zumindest für mich – nicht interessanter wurden. Er spricht über den Falkland-Krieg, über Margaret Thatcher, aber auch über den Brexit. Diese Passagen waren für mich immer ein wenig ermüdend und ich habe mich immer wieder dabei erwischt, wie ich mich freute, wenn McEwan sein Augenmerk wieder auf Charlie, Miranda und Adam richtete.

Gut konstruierte Charaktere

Apropos Charlie und Miranda. Auch, wenn ich Charlie zu Beginn wirklich mochte, hat sich dieses Blatt ziemlich schnell gewendet. Mit der Zeit wurde er mir immer unsympathischer, ich konnte viele seiner Handlungen nicht nachvollziehen – wieso schaltet er Adam an einer Stelle beispielsweise ab? Und was ist das überhaupt mit Miranda? Ich habe mich so häufig während der Lektüre gefragt, wieso sich Charlie so von Miranda behandeln lässt, wieso er ihr immerzu hinterher rennt und ihr immer wieder vergibt, ganz gleich, wie stark sie mit seinen Gefühlen spielt und wie schlecht sie ihn behandelt. Was ist da los? In meinen Augen ist das kein Ausdruck mehr von Liebe, sondern eine unglaublich ungesunde Figurenkonstellation.

Tatsächlich kann ich aber gar nicht sagen, ob ich Charlie oder Miranda unerträglicher fande. Bedauerlicherweise sind sie sich in dieser Hinsicht ziemlich ähnlich und jeder auf seine Art unerträglich. Aber gerade am Ende des Romans erreicht die Abscheulichkeit (Sorry!) der Beiden ihren Höhepunkt. Das soll nicht bedueten, dass McEwan hier keine gute Charaktere erschaffen hat, ganz im Gegenteil: Charlie und Miranda sind erschreckend authentisch und gerade mit dem Ende werden ihre Charaktere vollkommen – aber eben nicht sympathisch.

Mehr Adam, bitte!

Während der Lektüre hatte ich häufiger das Gefühl, dass Adam in diesem Roman ein wenig zu kurz kommt. Das finde ich ein bisschen schade, ist er doch Dreh- und Angelpunkt in Maschinen wie ich. Der Roman beginnt unbeschreiblich vielversprechend, Adam wird aufgeladen, eingeschaltet, zum Leben erweckt – er ist präsent. Dann erweckte es für mich den Anschein, als würde Adam am Küchentisch vergessen, um eine ganz andere Geschichte fernab von Robotik und künstlicher Intelligenz zu erzählen. Nanu, war Adam nur der Köder, um den Leser an den Roman zu fesseln und ihm dann eine völlig adamfreie Geschichte zu präsentieren? Ja und nein.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nach wie vor nicht ganz glücklich mit der Präsenz von Adam in Maschinen wie ich bin. Es beginnt stark, nimmt dann aber gleichzeitig auch sehr schnell ab und driftet – zumindest empfinde ich das so – ein wenig ab. Einige Kapitel lang hatte ich das Gefühl, als würden wir nie wieder von Adam lesen. Wird er am Küchentisch vergessen? Wird er verhungern? Kann er das überhaupt? Doch all meine Sorgen waren letztlich unbegründet.

Im letzten Drittel nimmt der Roman unglaublich an Fahrt auf, die Ereignisse überschlagen sich, der Fokus liegt ganz entschieden wieder auf Adam. Gerade das Schlusskapitel ist unfassbar berührend und regt zum Nachdenken an. Ob und wenn ja wie kann das Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine funktionieren? Lügen ist eine zutiefest menschliche Eigenschaft – Kann eine Maschine, die durch und durch rational handelt, lernen zu lügen? Wie müsste man einen Androiden programmieren, dass er diese Eigenschaft ausbildet? Ist Fehlbarkeit überhaupt programmierbar? Falls nein, ist der Mensch dadurch der Maschine vielleicht doch überlegen? Was macht den Menschen aus und was unterscheidet ihn letztlich von einem Androiden? Es sind die großen Fragen des Lebens, die hier aufgeworfen werden und den Leser nachdenklich werden lassen. Aber auch Fragen nach der Moral, der Freundschaft, dem Miteinander und der Rache werden diskutiert.

Dystopie mit Potential

Alles in allem kann ich sagen, dass Maschinen wie ich ein solider Roman ist, der sich mit Robotik und künstlicher Intelligenz befasst, der aber durchaus seine Schwächen hat. Ich habe mich unglaublich auf den Roman gefreut und der Einstieg viel mir ausgesprochen leicht, ich war im Nu in der Geschichte versunken und konnte zuerst gar nicht aufhören zu lesen.

Insgesamt betrachtet, hat die Geschichte wirklich Potential und das Ende stimmte mich tatsächlich nachdenklich, was bei einem Roman, der philosophische Fragen aufwirft, nicht immer selbstverständlich ist. Wenn es nach mir ginge, hätten die Passagen, in denen Charlie über Politik oder andere historische Ereignisse nachdenkt, gerne kürzer ausfallen oder gar gestrichen werden können. Das hätte der Story als solches absolut nicht geschadet, ganz im Gegenteil.

Maschinen wie ich ist eine lesenswerte Dystopie, die sich mit wichtigen Zukunftsthemen und -fragen beschäftigt und schon allein deswegen gelesen werden sollte. Mir wird dieser Roman auf jeden Fall noch lange im Gedächtnis bleiben!

 


Vielen Dank an Diogenes für das Bereitstellen des Rezensionsexemplares.