In ziemlich genau drei Monaten treffen sich wieder Buchfreunde aus aller Welt in der Metropole am Main, denn es ist wieder Frankfurter Buchmesse. In diesem Jahr ist Norwegen das Gastland und mich persönlich freut das ganz besonders, denn ich mag Literatur aus dem hohen Norden sehr. Mich fasziniert der Einfallsreichtum bei Krimis und Thrillern, den ich so noch nie in Büchern aus anderen Ländern gelesen habe. Außerdem liebe ich die Landschafts- und Umgebungsbeschreibungen. Nach jedem Buch aus Skandinavien sage ich mir, dass ich endlich einmal dorthin reisen muss, denn es muss einfach unwahrscheinlich schön dort sein.

In jedem Jahr versuche ich, mich ein wenig in das Gastland einzulesen, mich mit der Literatur und der Kultur des Landes vertraut zu machen. Diesmal fällt mir das absolut nicht schwer. Bereits im letzten Jahr habe ich Maja Lunde, Erling Kagge und Matias Faldbakken auf der Buchmesse über ihre Bücher und vor allem über ihr Heimatland sprechen hören und schon dort stieg meine Vorfreude auf die diesjährige Buchmesse ins Unermessliche.

Ich stöberte durch die deutschsprachigen Neuerscheinungen aus Norwegen und es dauerte nicht lange, bis mein Wunschzettel prall gefüllt war. Ehrlichgesagt habe ich das erwartet. Ein Buch, was ich mir unbedingt näher ansehen wollte, war Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land von Agnes Ravatn. Für ein halbes Jahr der Großstadt Oslo den Rücken kehren und mitsamt Mann und Neugeborenem nach Westnorwegen ziehen und dort die Ruhe auf dem Land genießen. Das klingt wirklich toll, oder?

Das kleine Buch vom Leben auf dem Land

Zunächst muss ich sagen, dass der Titel für dieses Buch absolut passend gewählt wurde. Mit seinen gerade einmal etwas mehr als 130 Seiten ist es tatsächlich ein kleines Buch. Aber das finde ich gar nicht so schlimm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass (erzählende) Sachbücher sich oft ein wenig in die Länge ziehen und einem das hier vermutlich nicht passieren kann. Also ist es irgendwie sogar ein Pluspunkt.

Wenn wir noch kurz bei der Gestaltung des Buches bleiben: Das Cover finde ich wirklich sehr schön. Es ist schlicht und mit seinen Illustrationen in Erdtönen spiegelt es genau das wieder, was ich zwischen den Buchdeckeln zu finden erhoffe: Die Beschreibung eines Lebens auf dem Land, fernab der Zivilisation, dass trotz oder gerade wegen der Rückbesinnung auf die Natur voller Glück und Zufriedenheit ist. Streng genommen habe ich auch genau das bekommen, aber eigentlich doch etwas vollkommen anderes. Schauen wir uns das kleine Experiment von Agnes Ravatn nun einmal genauer an.

Wenig Landleben, viel philosophisches Palaver

Der Einstieg in das Buch fiel mir ausgesprochen leicht – ich finde Ravatns Schreibstil unfassbar sympathisch und mitreißend. Ihre niveauvolle Ausdrucksweise wird mir vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben und hat mich ehrlichgesagt auch ein wenig neugierig auf ihr anderes auf deutsch erschienenes Buch Das Vogeltribunal gemacht.

Doch hier hört meine Begeisterung für Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land auch fast schon auf. Nach nur wenigen Seiten merkte ich, wie unwahrscheinlich kurz die in großer Schrift abgedruckten Kapitel sind. Häufig umfassten sie nur eine Handvoll Seiten. Nanu? Das Nachwort klärte mich schließlich auf: Ursprünglich sind die einzelnen Kapitel in diesem Buch in leicht veränderter Form als Artikel in einer Zeitschrift erschienen. In Ordnung, das erklärt dann auch, wieso manche Kapitel ein wenig repetitiv wirken. Aber das ist eigentlich nicht so schlimm.

Was mich hingegen an diesem Buch tatsächlich gestört hat, ist, dass es erschreckend wenig um das Leben auf dem Land geht. Das ist zumindest meine Auffassung. Ravatn erzählt furchtbar viel über ihren Nachbarn und Freund, den Schriftsteller Einar Økland, sie erörtert verschiedene regionale Unterschiede zwischen Oslo und Westnorwegen und es wird unendlich viel (oberflächlich) philosphiert. Aber insgesamt spricht sie ungeheuer wenig über das Leben auf dem Land. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, mehr über ihren Alltag im frisch renovierten alten Haus in Valestrand zu erfahren, über das Leben im Einklang mit der Natur, den Jahres- und Tageszeiten. Gerade aufgrund des unterschiedlichen Zeitfensters hinsichtlich Helligkeit und Dunkelheit in Norwegen wäre das für mich (hier in Deutschland) sehr interessant gewesen. Tatsächlich bin ich davon ausgegangen, dass man den umliegenden Garten bewirtschaftet, dass man Obst und Gemüse anbaut, pflegt und schließlich erntet. Nicht einmal Pflanzen oder gar Tiere spielten in diesem Buch eine (allzu große) Rolle. Ravatn spricht zwar einmal kurz von den Schafen des Nachbars und auch vom Schlachten, mehr Tiergeschichten hält Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land aber letztendlich nicht bereit. Das ist irgendwie schade, weil ich eben genau das mit dem Landleben verbinde und das – zumindest für mich – der Inbegriff des Lebens im Einklang mit der Natur ist.

Ein Buch über die Freundschaft zu Einar Økland

So leid es mir tut, aber Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land hält für mich nicht das, was es verspricht. Der Titel ist ein wenig irreführend und das finde ich sehr schade. Der Schreibstil Ravatns ist flüssig und mitreißend, doch hätte ich mir mehr Landleben und weniger Geschichten über Einar Økland gewünscht.

Vielleicht geht dieses Konzept in Norwegen aber auf: Nicht jeder hat einen erfolgreichen Schriftsteller als Nachbarn und gerade auf dem Land kann ich mir gut vorstellen, dass die Freundschaft zwischen Ravatn und Økland noch einmal intensiver ist, als sie es vielleicht in Oslo wäre. Für all diejenigen, die Øklands Bücher kennen, ist es vermutlich wie eine Plauderei aus dem Nähkästchen, wenn Ravatn vom Alltag als Nachbarin von Økland erzählt. Aber selbst da hätte ich mir einen passenderen Titel gewünscht.


Vielen Dank an den btb Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplares.