Krimi,  Literarisches

Wiederentdeckte Lesefreude | HULDA-Trilogie von Ragnar Jonasson

Das letzte Jahr war für mich wirklich unfassbar nervenaufreibend und herausfordernd – in jeglicher Hinsicht. Hatte ich zu Beginn des Jahres noch ambitionierte Lesepläne, musste ich ziemlich schnell feststellen, dass ich sie so nicht umsetzen können werde. Nach meiner Infektion mit Covid im März konnte ich für sehr lange Zeit überhaupt nicht lesen – aus gesundheitlichen Gründen. Brennende und tränende Augen, Konzentrationsschwierigkeiten und dann war ich noch unfassbar müde, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Gefühlt habe ich die Hälfte von 2021 geschlafen und auch, wenn das wie ein Scherz klingt, glaube ich, dass ich damit überhaupt nicht so falsch liege. Traurigerweise. Aber darum soll es hier überhaupt nicht gehen.

Begonnen habe ich im Herbst dann mit kleinen Leseabschnitten, lächerlichen 10 Seiten am Tag. Dann konnte ich nicht mehr. Aber es war ein Anfang und darüber habe ich mich sehr gefreut. Ebenso, wie ich täglich spazieren gegangen bin, habe ich ab diesem Zeitpunkt täglich gelesen und was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. Im Dezember habe ich die HULDA-Trilogie von Ragnar Jonasson komplett gelesen – innerhalb von ungefähr 2 Wochen. Einerseits, weil sie mich inhaltlich wirklich angeholt hat, andererseits aber natürlich auch, weil ich endlich wieder längere, sehr viel längere Passagen lesen konnte. Und wenn ich das gerade so lese, macht es mich rückblickend wirklich stolz, dass ich das geschafft habe. Wow!

Auf nach Island

Schwierig war das vergangene Jahr für mich auch in dieser Hinsicht, dass ich auf Social Media, in den Buchhandlungen und gefühlt auch überall sonst mit Büchern konfrontiert wurde, die ich unglaublich gerne gelesen hätte – aber eben nicht konnte. Dunkel von Ragnar Jonasson ist eines davon. Ich kann mich noch erinnern, wie es auf Instagram aufgetaucht ist. Immer mehr Menschen aus meiner Buchbubble haben darüber gesprochen. Eine Thrillerreihe auf Island, die rückwärts erzählt wird? Das fande ich wirklich originell und nachdem ich mir den Klappentext der drei Bücher durchgelesen hatte, wusste ich, dass ich sie lesen möchte. Unbedingt!

Im Dezember war es dann soweit und ich habe mit dem ersten Band begonnen und konnte nicht mehr aufhören. Hulda war mir direkt unwahrscheinlich sympathisch und das Setting hat mich auch direkt verzaubert. Ganz nach meinem Geschmack! Eigentlich wollte ich nur kurz reinlesen und dachte, dass die Trilogie ein schönes Leseprojekt für die Feiertage wäre, aber daraus wurde nichts. Ich hatte alle drei Bände bereits Mitte Dezember komplett ausgelesen – jeden Tag vor und nach der Arbeit.

Die Hulda-Trilogie

Hulda Hermannsdóttir ist Kommissarin bei der Polizei Reykjavík und ihr Ruhestand steht kurz bevor. Deswegen darf sie sich noch einmal einen cold case aussuchen – zum Abschied sozusagen. Was erst einmal nett klingt, ist in Wirklichkeit aber gar nicht so schön. Der Ruhestand kommt für die fast 65-jährige ziemlich überraschend. Ihr Chef möchte sie los werden, damit der Posten von einem jungen aufstrebenden Kommissar besetzt werden kann. Hulda sucht sich einen ungelösten Fall einer jungen russischen Frau heraus, den ihre Kollegen damals kurzerhand als Selbstmord abgetan und dem Fall nicht weiter Beachtung geschenkt haben. Doch Hulda ist sich sicher, dass das nicht die Wahrheit ist.

Damit startet die Reihe. Ruhig, unaufgeregt, aber mit Potential. Ich muss zugeben, ich fand Hulda von Anfang an sympathisch und hatte direkt Mitleid mit ihr, als sie die unschöne Botschaft von ihrem Chef erhalten hat. Ich kann verstehen, wenn die – nennen wir es beim Namen – klischeehafte, etwas verbitterte ältere Dame nicht jedermanns Geschmack ist. Aber ich konnte an so vielen Stellen des Thrillers mit Hulda mitfühlen und ich glaube, dass das dazu beigetragen hat, dass ich die Reihe so mag. Jonasson schafft es, dass ich an vielen Stellen im Buch selbst melancholisch werde, mit Hulda gemeinsam in ihrer Vergangenheit schwelge und ja, einfach Mitleid habe. Aber auf eine gute Art und Weise.

Am Ende des ersten Bandes saß ich einige Minuten sprachlos vor dem aufgeklappten Buch, weil ich nicht glauben konnte, was ich da gerade gelesen habe. Ist das gerade tatsächlich passiert? Wie kann der erste Band einer Trilogie damit enden? Bis mir wieder eingefallen ist, dass die Reihe in umgekehrter Reihenfolge erzählt wird. Ein absoluter Mindblowing-Moment. Unverschämt clever.

Mit dem zweiten Band gehen wir ungefähr 15 Jahre in die Vergangenheit. Es ist sozusagen der Höhepunkt von Huldas Karriere und der Tiefpunkt in ihrem Privatleben. Nachdem ihre Tochter Dimma (isländisch übrigens für Dunkel, der Name des ersten Bandes) gestorben ist und sie schließlich auch ihren Mann verloren hat, stürzt sich Hulda Hals über Kopf in ihre Arbeit.
Fünf Freunde machen einen Ausflug auf eine kleine Insel, um sich nach langer Zeit wieder zu sehen. Sie wollen das Wochenende auf der entlegenen Insel verbringen. Dieses Setting wirkt vielleicht ein klein wenig einfallslos, hat man es schon in zahlreichen Büchern gelesen und auch auf der Konsole durchgespielt. Aber darum soll es erst einmal nicht gehen. Ich wollte mehr über Hulda erfahren!

Zunächst war ich ein wenig verwirrt, weil man ungefähr ein Drittel des Buches lesen muss, bis Hulda zum ersten Mal auftaucht. aber das ist gar nicht so dramatisch. Auch, wenn es auf sich warten lässt, erfährt man doch ziemlich viel aus ihrer Vergangenheit und wieso Hulda heute, also in Dunkel, die Hulda ist, die sie eben ist. Auch hier sind es wieder die letzten Seiten, die alles herausreißen. Manche der Informationen haben mich wirklich geschockt, weil ich damit schlicht nicht gerechnet hätte. Nicht, in so einer kleinen, unschuldigen Reihe.

Auch, wenn ich den ersten Band am meisten mochte, war der dritte Band mit Einar und Erla für mich tatsächlich der Intensivste. Kurz vor Weihnachten, in einem abgelegenen Bauernhaus, komplett eingeschneit und ohne Strom – das ist das Setting von Nebel. Und dann klopft ein Fremder an die Tür und das Ehepaar gewährt ihm wie selbstverständlich Einlass in ihr warmes Häuschen, ohne auch nur entfernt zu ahnen, welche weitereichenden Konsequenzen das noch für sie haben wird.

Island, Hulda – alles ganz nach meinem Geschmack!

Insgesamt ist der Schreibstil die komplette Trilogie hindurch unglaublich flüssig. Die Kapitel sind knackig kurz, wodurch man ganz gut reinkommt in die Reihe. Außerdem gibt es zahlreiche Perspektivenwechsel, wodurch jeder Fall aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann und man als Leser automatisch miträtselt. Das mag ich wirklich sehr gerne.
Zugegeben sind die Fälle allesamt nichts weltbewegend Neues, was man noch nie gelesen hätte oder man sich nicht vorstellen könnte. Aber darum geht es für mich auch überhaupt nicht. Jonasson hat es geschafft, dass mir Hulda und größtenteils auch die anderen Charaktere sympathisch sind. Damit hat er den Hauptgewinn gezogen. Wenn man die Protagonistin einer Reihe mag, verzeiht man andere Dinge sehr viel schneller. Was nicht bedeutet, dass die Reihe schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Ich mag die Atmosphäre, die beim Lesen aufkommt. Jonasson beschreibt die triste, karge und graue Landschaft derart ansprechend, dass ich denke, selbst vor Ort zu sein. Das sind für mich wirklich die ausschlaggebendsten Kriterien, ob ich ein Buch oder eine Reihe mag: sympathische und authentische Charaktere und eine Atmosphäre, als wäre ich selbst am Ort des Geschehens.
Mein einziger Kritikpunkt wäre vielleicht, dass es nicht unbedingt ein Thriller als vielmehr ein Krimi ist. Aber das sind wirklich Nebensächlichkeiten, über die ich getrost hinwegsehen kann.

Willkommen Zurück, Lesefreude!

Im vergangenen Herbst ist Frost erschienen, sozusagen der viertel Teil der Hulda-Reihe und hier spricht mich der Klappentext tatsächlich noch viel mehr an als bei der Trilogie. Ich werde Frost zeitnah lesen und freue mich wirklich sehr darauf.

Außerdem freue ich mich, dass ich mit einer so schönen Reihe meine Lesefreude wiedererlangt habe. Seitdem sind auch wieder wirklich viele Bücher in meinem Einkaufskorb gelandet und schließlich in meinem Bücherregal eingezogen, dass ich überhaupt nicht weiß, womit ich beginnen möchte. Am liebsten würde ich alle Bücher auf einmal lesen. Aber das ist schön, denn es zeigt mir, dass mir Lesen nach wie vor Freude bereitet und ich mir sicher sein kann, noch ganz viele tolle Geschichten entdecken zu können.

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