Im heutigen Beitrag möchte ich euch ein mir sehr liebes Thema näherbringen, dass zwar nichts mit dem Feld der Literatur oder des Films zu tun hat, aber nichtsdestotrotz meiner Ansicht nach mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient hat: Das klassische Puzzlespiel. Zwar hat sich das Puzzle als Überbegriff insofern in unseren mehr und mehr digitalisierten Alltag hinübergerettet, als dass es prägender Bestandteil diverser Videospiel-Genres ist, das ursprüngliche physische Puzzlespiel, also das Zusammenlegen von ineinandergreifenden Teilen zu einem meist ansehnlichen Gesamtbild, hat jedoch immer stärker an Relevanz eingebüßt, wenn es um die private Freizeitgestaltung geht. So ist zumindest mein Eindruck. Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, hoffentlich den ein oder anderen von euch dazu motivieren zu können, mal wieder den Abend bei Lampenschein puzzelnd am Tisch zu verbringen.

Vom Sammeln und Komplettieren

Das Grundprinzip des Puzzles ist für mich und sicherlich für viele von euch auch mit großer Befriedigung verbunden. Ich liebe das Sammeln und das Komplettieren. Mittlerweile habe ich eine umfangreiche Bibliothek an Literatur zusammengetragen und auch größere Sammlungen an Filmen und Videospielen angehäuft. Der Reiz hierbei ergibt sich aus der Beobachtung des stetigen Wachstums. Das Komplettieren verschafft mir dabei die größte Genugtuung. Es ist im Prinzip ein Abarbeiten, dass sich bei Videospielen durch das Vervollständigen sämtlicher Achievements (sofern vorhanden) und dem Schlagen des höchsten Schwierigkeitsgrades realisiert. Ist das geschafft, kann ich das Spiel guter Dinge abhaken. Bei der Literatur wie auch dem Film ist das Vervollständigen bestimmter Reihen oder des Œuvres einzelner Autoren oder Regisseure das Wesentliche. Man liest die einzelnen Werke und erarbeitet sich ein Autorenportrait, ordnet das Ganze genretechnisch und literaturgeschichtlich ein, versucht also, den Autoren in seiner Gänze zu verstehen und kennenzulernen. Dann hat man ihn abgearbeitet und setzt auch hier einen Haken dahinter. Es ist letztlich dieselbe einfache Befriedigung, die viele von uns tagtäglich aus dem Erledigen von To-Do-Listen beziehen. Das Puzzlespiel greift diese Logik in einfachster und direktester Form auf: Das Vervollständigen wird zum alleinigen Zweck und Ziel erhoben.

Von Wildwühlern und Teilchenscannern

Dabei lassen sich in der konkreten Vorgehensweise des Puzzelns durchaus signifikante Unterschiede feststellen. Der erste Schritt ist jedoch grundsätzlich immer derselbe: Man versucht zunächst, den Rahmen des Bildes zu legen. Die entsprechenden Teile sind vergleichsweise einfach zu finden, da wenigstens eine Seite geglättet ist und der Rahmen bringt ein wenig Ruhe und eine erste Struktur ins Puzzle, von welcher aus man beliebig weitermachen kann. Beim Finden der Teile allerdings kann man bereits deutliche Unterschiede ausmachen, die sich auf zwei einander entgegengesetzte Suchprofile herunterbrechen lassen.

Die Wildwühler, zu denen ich mich hinzuzählen würde, blühen im scheinbar orientierungslosen Wühlen durch die Massen an unbenutzten Teilen auf. Einem Puzzlemoses gleich teilen die Wildwühler das Teilchenmeer im Karton und nehmen auch gerne eine Handvoll zur genaueren Betrachtung nach oben, um danach die momentan unbrauchbaren Teile wieder zurück in die Box rieseln zu lassen. Auf den zweiten Blick hat diese Methode durchaus ihren Sinn. Zwar finden Wildwühler nicht jedes brauchbare Teil im ersten Durchgang, sie erzielen jedoch gerade in der Anfangsphase schnell große Erfolge, da das Durchkämmen ein zügiges Abarbeiten der noch großen Restmasse an Teilen erlaubt. Die Vorgehensweise scheint auf den ersten Blick barbarisch, bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch ein clever abgewogener Glaube an den Effizienzvorteil des Wildwühlens gegenüber der zweiten Vorgehensweise: Dem Teilchenscannen.

Die Teilchenscanner, zu denen ich Sabrina hinzuzählen würde, durchleuchten die Teilchenbox mit ungeahnter Akribie von einer Seite zur anderen. Ihrem in Sorgfalt und Genauigkeit geschulten Blick entgeht nur in seltenen Fällen der Unachtsamkeit ein relevantes Teilchen. Mit dem Feingefühl eines meisterhaften Origamikünstlers, der schon im zarten Alter von vier seine ersten Erfolge verzeichnen konnte, werden auf der Rückseite liegende Teile aufgedeckt und kleine Dünen mit pinzettenartiger Fingerfertigkeit in ihre Bestandteile zerlegt. Das Ziel liegt dabei klar auf der Hand: In einem einzigen Durchgang alle für die momentane Baustelle notwendigen Teile ausfindig zu machen und dabei stets durch die eigene Position innerhalb der Box den genauen Fortschritt des Suchprozesses vor Augen zu haben. Natürlich ist das Teilchenscannen gerade in den Anfangsphasen ein zeitintensives Unterfangen, das schnell in Frustration übergehen kann. Schon allein deshalb, weil ein Teilchenscanner einem Wildwühler bei ebenbürtigem Erfahrungsstand zu Anfang outputtechnisch unterlegen ist. Es ist also unbedingt ratsam, vor Beginn des Spiels das eigene Mindset auf Komparabilität mit der Scannermethode zu überprüfen, schließlich soll das Ganze ja Spaß machen.

Wichtig zu erwähnen ist weiterhin, dass es sich bei Wildwühlern und Teilchenscannern um Idealtypen handelt, die in der Realität nur selten in Reinform vorkommen. Ein Wildwühler kann in einer späteren Phase durchaus zum Teilchenscannen übergehen, wenn ihm die Methode aufgrund der wenigen übrigen Teile erfolgsversprechender erscheint. Genauso kann ein Teilchenscanner irgendwann aus Frust über langsamen oder ausbleibenden Erfolg ins Wildwühlen übergehen, auch wenn es nicht immer eine bewusste Entscheidung ist. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass beim gemeinsamen Puzzlespiel ein unbeholfener Wildwühler schnell mit seinen Schaufelpranken den Fortschritt des Teilchenscanners zerstören kann. Möchte man also einen schwerwiegenden häuslichen Konflikt vermeiden, sollte man sich vor Beginn des Spiels auf einen Suchtypus einigen. Insgesamt betrachtet lässt sich festhalten, dass der Schlüssel zum maximaleffizienten Puzzleerfolg im sinnvollen Zusammenspiel beider Methoden liegt.

Vom Teilchenzölibat und den Egalitären Puzzlemoralisten

Ein weiterer Unterschied lässt sich anhand der Vorgehensweise nach Vollendung des Rahmens erkennen: Ich für meinen Teil fange zunächst mit der größten hellen, einfarbigen Flächen an. Bei Landschaftsmotiven ist das in der Regel der Himmel. Bei Meeres- oder Seemotiven können es auch Wasserflächen sein, allerdings haben diese häufig durch den Schaum der Wellen oder den Schatten auf dem Wasser mehrere Farbtöne, was die Sache erschwert. Helle einfarbige Teile sind leicht zu finden, leicht aneinanderzusetzen, da man nur auf die Form der Teilchen achten muss und üppige Himmelsflächen nehmen in der Regel einen großen Haufen Teilchen aus der Box, sodass das weitere Vorgehen erleichtert wird. Andere Leute wiederum suchen sich zum Start markante Flächen, die dergestalt nur einmal im Motiv enthalten sind. Einen Busch mit einer für das Puzzle einmaligen Blütenfarbe oder aber eine auffällige Fensterfront an einem Gebäude, möglicherweise auch ein Automobil oder anderes menschengemachtes Gerät auf einem sonst von Natur geprägten Motiv. Was auch immer es ist, wichtig ist hier der Grad der Eindeutigkeit bei der Zuordnung.

Viel wichtiger jedoch als die Frage nach der Auswahl der Puzzlebaustelle ist der Blick auf die Entscheidung darüber, welche Teilchen während der Suche als auswählenswert erachtet werden. Auch hier lässt sich wieder eine bipolare Typologisierung vornehmen. Auf der einen Seite stehen dabei die Anhänger einer Geisteshaltung, die in Fachkreisen als Puzzlezölibat bezeichnet wird. Sie sind Puristen, die ausschließlich diejenigen Teilchen herausnehmen, die für die aktuelle Baustelle gebraucht werden. Können gefundene Teilchen diesbezüglich nicht eindeutig zugeordnet werden, werden sie ohne Ausnahme in den Karton zurückgelegt. Auch werden solche Teile ignoriert, die potenziell für die nächste markante Fläche – also die nächste Baustelle – benötigt werden und die man daher schon einmal nebenher heraussuchen könnte. Anhänger des Puzzlezölibats entsagen all diesen Reizen, sie wiederstehen jeder Verlockung um sich gänzlich und ohne Ausnahme der vor sich liegenden Aufgabe widmen zu können.

Den Gegenpol hierzu bilden die Egalitären Puzzlemoralisten. Sie haben sich dem Grundsatz verschrieben, dass letztlich jedes Puzzleteil für den Gesamterfolg von der ebenselben Wichtigkeit ist. Dementsprechend darf zu keiner Zeit ein Teilchen mehr wert sein als ein anderes. Diesem Gedankengang folgend nehmen sie ein jedes Teilchen heraus und legen es an seinen vermutlichen späteren Platz im Gesamtbild, um es parat zu haben, wenn man denn dann zum Bau der entsprechenden Stelle kommt. Dieses Vorgehen hat den offensichtlichen Nachteil, dass einem bald der Platz zum Zusammenlegen ausgeht. Wie auch schon im vorherigen Fall so ist auch hier ein gesunder Mittelweg zwischen beiden Paradigmen der effektivste Weg.

Abschließende Betrachtung

Ich hoffe, mit meinen Ausführungen gezeigt zu haben, dass wir es beim Puzzlespiel mit einem hochkomplexen Gegenstand zu tun haben. Die Ausmaße dieser Komplexität können hier nur skizziert werden. Zwar baut das Puzzlespiel im Kern auf die Befriedigung eines simplen urzeitlichen Elementartriebes (der sogenannte To-Do-Tabulae-Trieb), in der Ausgestaltung und Vorgehensweise erlaubt es jedoch, wie gezeigt wurde, eine reiche Vielfalt an Möglichkeiten. Dabei kann auch die Gestalt des Puzzles selbst variieren: Neben der klassischen flachen Variante gibt es mittlerweile 3D-Puzzles in allen erdenklichen Varianten: Von runden Globen über mittelalterliche Schlösser bis hin zu phallischen Wolkenkratzern, die einer Untersuchung ganz eigener Art bedürfen. Auch kann das Puzzle in ein Spiel anderer Art eingebettet sein, wie Sabrina euch bereits am Beispiel des Drei ??? Krimi-Puzzles gezeigt hat.

Das Puzzlespiel enthält zudem Implikationen, die man durchaus auch auf tagesaktuelle Problematiken übertragen kann. Zwar erlaubt das Puzzlespiel die kreative Freiheit, es auf jede denkbare Art lösen zu können. Wie wir gesehen haben, liegt der optimale Weg jedoch in der Ausgewogenheit, der Harmonie, im Kompromiss zwischen einander gegenüberstehenden Extrempositionen. Insofern ist das Puzzlespiel fast schon eine daoistische Erfahrung.

Wie sieht es bei euch aus? Legt ihr noch regelmäßig Puzzles? Welche Art von Puzzles oder Motiven sagen euch am meisten zu? Ich für meinen Teil mag die Motive des Malers Thomas Kinkade am liebsten. Seid ihr eher Wildwühler oder eher Teilchenscanner? Eher Zölibatisten oder Moralisten? Wenn ihr auf diese Fragen noch keine Antwort wisst, solltet ihr am besten nicht lange zögern und es herausfinden.