Nach dem Sommer ist der erste Band der Mercy-Falls-Trilogie und für mich gleichzeitig das erste Buch, welches ich von Maggie Stiefvater insgesamt lese. Auch ist es ein Genre, dass ich normalerweise nicht lese und doch war ich neugierig und wollte herausfinden, ob es meinem Geschmack entspricht und so betrete ich mit diesem Buch für mich Neuland in der Bücherlandschaft.

Auch, wenn Stiefvaters Roman nicht meinem üblichen Genre zuzuordnen ist, so hat es mir doch von der ersten Seite an ein zu Hause geboten, in dem ich mich wohlfühlte. Ihr lockerer, frischer und vor allem flüssiger Schreibstil konnte mich auf ganzer Länge überzeugen. Das Highlight in diesem Buch waren für mich die Naturbeschreibungen, welche sich durch den ganzen Roman ziehen. Stiefvater spart an keiner Stelle mit ihren detailreichen Beschreibungen. Der Duft des Waldes, das Knacken der Äste unter den Füßen, die Geräusche der im Wald lebenden Wölfe in den Abendstunden – all das nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Natur und gibt ihm gleichzeitig das Gefühl hautnah dabei zu sein und dem Wolf selbst in seine leuchtend gelben Augen zu blicken.

Ich brauchte etwas Warmes und ging ins Haus, um mir einen Mantel zu suchen. Verdammtes Wetter. Wo war der Sommer geblieben? Schließlich fand ich in einem vollgestopften Schrank, in dem es nach schalen Erinnerungen und Mottenkugeln roch, eine bauschige, leuchtend blaue Jacke, in der ich mich wie ein Zeppelin fühlte. Schon etwas zuversichtlicher machte ich mich wieder auf in den Garten. Grace‘ Vater musste Füße wie ein Yeti haben und so stapfte ich mit der Anmut eines Elefanten im Porzellanladen in den Wald.“ (91)

Auch die Story klingt vielversprechend. Sam ist ein Werwolf, der sich nicht bei Vollmond verwandelt, wie das normalerweise üblich ist, sondern immer erst mit Eintritt der kalten Jahreszeit. Das macht die Temperaturzahlen unter den Kapitelüberschriften auch so interessant. Die Kapitel werden immer entweder aus der Sicht von Sam, dem Werwolf, verfasst oder aus Grace‘ Perspektive, der Protagonistin des Buches. Wenn die kalte Jahreszeit überstanden ist und der Frühling naht, verwandelt sich Sam wieder in einen Menschen, oder wie Sam es nennt: In sich selbst.

Der Klappentext und mit ihm die Story des Buches hat mich angesprochen und bei mir Erwartungen geweckt, die sich – ich mache es kurz – während des Lesens nicht erfüllt haben. Der Funken ist einfach nicht übergesprungen. Schade! Doch woran lag es?
Zunächst einmal hätte ich mir gewünscht, dass es nicht vordergründig um die (Liebes-)Beziehung von Sam und Grace geht, denn so zieht sich diese Gefühlsduselei und mit ihr eine gewisse Melancholie durch den gesamten Roman. Doch im Nachhinein habe ich bemerkt, dass dieser Verlauf zu erwarten war, betrachtet man sich die zwei auf dem Buchcover abgebildeten Protagonisten mit dem Herz zwischen ihnen. An sich finde ich es nicht schlimm, dass die Gefühle von Grace und Sam verhandelt werden, auch die melancholische Stimmung ist in diesem Zusammenhang authentisch und in meinen Augen eine begrüßenswerte Abwechslung zu den sonst oftmals durch und durch kitschigen Stories.

Wenn Grace und ich Gegenstände wären, dachte ich, dann wäre sie eine Hightechdigitaluhr, technische Perfektion, synchronisiert mit der Londoner Weltzeituhr, ich aber wäre eine Schneekugel – durcheinandergewirbelte Erinnerungen in einer Kugel aus Glas.“ (97)

Doch ich habe mich – und hier kommt das große Aber – an zahlreichen Stellen im Buch gefragt: Was ist mit Grace‘ Leben, ihren Eltern, ihrem Umfeld, ihren Freunden? Natürlich, man erfährt im Buch einiges über die von mir gerade angesprochenen Punkte, aber diese konnten mich nicht überzeugen. Ihre Eltern spielen nur insofern eine Rolle, als dass sie keine Rolle spielen. Ja, natürlich ist das notwendig, damit die Story funktioniert. Doch ich frage mich, ist das realistisch? Grace ist ein schulpflichtiger Teenager und sie kann unbemerkt bis spätnachts unterwegs sein oder gar morgens spontan beschließen die Schule zu schwänzen – ihre Eltern nehmen davon zu keiner Zeit Notiz, denn sie glänzen – natürlich immer zum richtigen Zeitpunkt – mit Abwesenheit. Auch, dass sie keinerlei soziales Umfeld  fernab von Sam und den später in die Story involvierten Klassenkameraden zu haben scheint, wirkt auf mich sehr konstruiert. Natürlich mag man an dieser Stelle einwenden, dass es ein Fantasy-Buch sei und Sam ein Werwolf darstelle und das Buch damit keinen Anspruch erhebe, realistisch zu sein. Und doch stört es mich. In meinen Augen wäre dies ein Argument, würde Stiefvater die Story nicht in der real existierenden Welt spielen lassen. Aber das tut sie nun einmal.

Weiterhin muss ich sagen – und ich hoffe es geht nicht nur mir so -, dass mir die Beziehung zwischen Sam und Grace deutlich zu schnell abläuft. Grace beobachtet Abend für Abend die Wölfe von ihrem Zimmerfenster oder von der Veranda aus und hält immerzu Ausschau nach „ihrem Wolf“ und eines Tages streichelt sie ihm auch über das Fell, aber wie kann das eine Grundlage für eine Beziehung sein? Dass Grace von Kindesbeinen an von „ihrem Wolf“ fasziniert ist, wird dem Leser mehr als deutlich geschildert, aber dennoch. Zu einer Beziehung gehören immer zwei Parteien und auch, dass die Protagonisten hier die Geschichte des jeweils anderen anstandslos akzeptieren, wirkt auf mich ein wenig befremdlich. Es erweckt für mich  den Eindruck, als sei die Beziehung von Anfang an beschlossene Sache.

Ich möchte noch kurz auf die Protagonisten im Einzelnen zu sprechen kommen. Grace hat mir in ihren Charakterbeschreibungen sehr gut gefallen, auch ihre – wenn man es so nennen mag – Wolfsbesessenheit ist eine Eigenschaft, die zu ihrer Person passt. Das größere Problem hatte ich mit Sam. Die Intention Stiefvaters hinter diesem Charakter kann ich vollständig nachvollziehen, er wird an einer Stelle als Emo bezeichnet und auch die Beschreibung seines Äußeren und die Tatsache, dass er Gedichte, explizit von Rainer Maria Rilke, mag, bildet seinen melancholischen Charakter in all seinen Eigenschaften gut ab. Und doch konnte ich den Zugang nicht finden, das Vorhaben ist in meinen Augen nicht geglückt. Sam war für mich einfach ein junger Teenager, gefangen zwischen zwei Welten, der seinen Platz in der Welt gefunden zu haben glaubt und diesen doch nicht einnehmen kann. Diese Entschlossenheit, zu wissen, wo man hinzugehören glaubt und die Tatsache, dafür alles aufs Spiel zu setzen, gepaart mit einer durch Songtexte und Gedichte zum Ausdruck gebrachten Melancholie, hat für mich etwas Sprunghaftes,  etwas kindlich Naives.

Gegen Ende hat das Buch noch einmal Fahrt aufgenommen. Der Roman hat etwas geschafft, was über all die Seiten nicht funktioniert hat: Mich in den Bann gezogen. Tatsächlich wollte ich auf den letzten schätzungsweise 40 Seiten unbedingt wissen, wie die Story weiter verläuft und konnte das Umblättern kaum erwarten, denn endlich passierte mal etwas, die Geschichte hörte auf, nur so vor sich hin zu plätschern.

SCHLUSSBETRACHTUNG

Der Einstieg für mich in dieses Genre beginnt holprig und doch hat es mir nicht die Lust genommen, weiter innerhalb dieses Genre nach Schmuckstücken zu suchen. Auch werde ich die Reihe um Mercy Falls weiter verfolgen, gerade weil das Ende verspricht, keine typische Liebesgeschichte in ihrem üblichen Verlauf abzubilden. Bleibt zu hoffen, dass die Story um die beiden Protagonisten wächst und sie weiter in Beziehungsgeflechte und Familienbande verflochten werden und damit authentischen Charakter auszubilden in der Lage sind.

Ich ließ den Blick über die unzähligen Bücherreihen gleiten.
»Bücher sind wirklicher, wenn man sie draußen liest.« (218)

ECKDATEN & WEITERE INFORMATIONEN

Titel: Nach dem Sommer (Mercy-Falls-Trilogie #1) | Autor: Maggie Stiefvater | Verlag: Script5 Verlag
Hardcover | Seitenzahl: 421 | ISBN: 978-3839001677