Ich bin großer Fan von Kriminalgeschichten und freue mich immer, wenn ich einen Krimi mit vielversprechender Story aus dem skandinavischem Raum finde. Denn so verbinden sich zwei meiner Vorlieben miteinander. Allein das Cover von Helle und der Tote im Tivoli hat mich angesprochen – diese Tristesse, diese Einsamkeit, diese Abgeschiedenheit, in der die Hütte in den Dünen steht: All dies gefällt mir sehr.

Nachdem auch der Klappentext mein Interesse weckte, freute ich mich sehr auf die Lektüre und konnte es kaum erwarten, an der Seite von Helle zu ermitteln. Ich habe mich wirklich sehr auf den Krimi gefreut und wurde letztendlich aber bitter enttäuscht. Schauen wir uns den Krimi nun einmal genauer an.

Vielversprechende Story, holpriger Einstieg

Der Einstieg in Helle und der Tote im Tivoli fiel mir schwerer als gedacht. Bereits zu Beginn lassen sich viele Stolpersteine finden, die mir die Lektüre alles andere als angenehm gemacht haben. Der Krimi beginnt mit einer Menge Schachtelsätzen, das bremst den Lesefluss enorm und lässt den Leser nicht richtig in die Geschichte eintauchen und nicht wirklich in Kopenhagen ankommen. Auch die derbe Wortwahl, die sich durch das komplette Buch zieht, ist in meinen Augen in vielen Fällen unpassend, unauthentisch und einfach zu viel des Guten.

Apropos Schreibstil – ich empfinde ihn hier einfach nur als katastrophal. Arendt verwendet Kraftausdrücke, als wäre es das normalste auf der Welt, als gehöre es zu einem guten Buch einfach dazu. Ausdrücke wie Wichser, Arschloch oder Scheiße liest man hier regelmäßig. Ebenso ist das Buch mit Jugenddsprache gespickt, häufig fühlen sich die Personen ausgesprochen comfortable (104) oder denken sich nur WTF? (99). Gerade bei einer 63-jährigen Person, die digital detox für sich entdeckt hat (104ff.), wird deutlich, wie wenig Arendt ihr Handwerk zu beherrschen scheint.

Eine weitere Frage, die mich den kompletten Fall hindurch beschäftigte und tatsächlich sehr verwirrte: Was ist das eigentlich mit Jan-C.? Weswegen beginnt die Autorin nach ungefähr der Hälfte des Buches, den Namen ihrer Figur abzukürzen und macht aus Jan-Cristofer einfach Jan-C.? Ist ihr nach knapp 150 Seiten aufgefallen, wie lang dieser Name ist und sie ihn dann doch lieber abkürzt, weil das Ausschreiben einfach zu lange dauern würde? Das passiert übrigens auch in wörtlicher Rede und das hat mich dann wirklich vollkommen verwirrt und ratlos zurückgelassen.

Plot mit Potential: Ein Mord im Vergnügungspark

Was mich bei diesen Krimi besonders angesprochen hat, war der außergewöhnliche Schauplatz: Ein Mord im Tivoli, einem Vergnügungspark, klingt schon wirklich besonders und machte mich neugierig. Ich hätte nicht gedacht, dass ich bereits nach wenigen Seiten ein Kapitel aus der Sicht eines Pädophilen vorgesetzt bekomme, in dem er ausführlich schildert, wie er sich Befriedigung im örtlichen Schwimmbad holt, wenn die Schulklassen Schwimmunterricht haben. Das machte mich einfach nur fassungslos und ich überlegte, das Buch bereits zu diesem Zeitpunkt abzubrechen. Doch, was wenn dieses Kapitel die Story wesentlich voranbringt und man hier den ersten Einblick in die kranken Fantasien des Mörders erhalten hat? Also las ich weiter.

Den Gedanken, das Buch zur Seite zu legen, hatte ich im Anschluss daran aber tatsächlich noch häufiger. Letztendlich habe ich mich tapfer durch die knapp 300 Seiten gekämpft – und dies ist hier wirklich die richtige Bezeichnung, denn oft fühlte es sich wie ein einziger Kampf an. Doch ich wollte es einfach nicht wahrhaben, ich suchte bis zur letzten Seite nach etwas, das dem, was ich da gerade gelesen habe, einen Sinn verlieh. Etwas, das alles sinnvoll miteinander verband und meine offenen Fragen beantwortete. Doch auch dieser Wunsch sollte mir nicht erfüllt werden.

Amira und der Migrationshintergrund

Schauen wir uns Amira einmal genauer an. Arendt lässt an einigen Stellen im Krimi Anspielungen mit politischen Hintergrund fallen, die dem Fall eine – wie ich finde – völlig unpassende Ebene hinzufügen. Diese politische Dimension ist völlig überflüssig, einfach weil sie die Handlung nicht voranbringt und schlichtweg deplatziert wirkt. Was bezweckt Arendt damit? In Helle und der Tote im Tivoli wird offen thematisiert, dass Amira einen Migrationshintergrund hat. Soweit, sogut. Dass Amira aber trotz dessen aber so gut dänisch spricht und vielleicht sogar besser als mancher Jugendlicher, der sein Leben lang schon in Dänemark wohnt, wirft bei mir Fragen auf. Helle nennt sie eine Mustermigrantin (257f.) und dass sie, obwohl(!) sie eine Migrantin sei, eine gute Zukunft vor sich habe. Warum sollte sie das auch nicht? Wieso sollte Amira nicht beruflich durchstarten können in Dänemark? Die größte Frage, die sich mir hier aber stellt: Weshalb spielt das aber überhaupt eine Rolle? Wieso wird das thematisiert?

An anderer Stelle schimpft Helle regelrecht über die politischen Ansichten ihres Landes. Dass Dänemark nicht sehr tolerant gegenüber Ausländern sei und Helle das ja so schade fände (93). Das ist für mich vollkommen verständlich und nachvollziehbar. Doch meiner Auffassung nach tut Helle Amira keinen Gefallen, wenn sie sie Mustermigrantin nennt. Auch als Helle ihren Kollegen Ole vorwirft, er sei faul und dass sogar(!) seine Kollegin – „ein Flüchtling by the way“ (85) – fleißiger und fähiger sei als er, spricht sie eigentlich viel mehr gegen als für Amira.

Apropos Diversity

Wenn wir schon über unbequeme Wahrheiten sprechen, sollte eine Sache nicht unerwähnt bleiben. Im Verlauf des Krimis kommt zur Sprache, dass Helles Sohn Leif homosexuell ist, dass für Helle und ihren Mann Bangt aber natürlich kein Prolem darstellt. Vielmehr sei es die Angst, die sie verspürten, da „Intoleranz gegenüber Fremden und Andersdenkenden, Künstlern und Homosexuellen wieder salonfähig geworden“ (93) ist. Auch an dieser Stelle frage ich mich wieder: Wofür diese Ebene? Ich kann verstehen, dass Arendt versucht, Helle als eine offene, vorurteilsfreie und tolerante Persönlichkeit etablieren zu wollen, aber es gelingt ihr schlichtweg nicht. Helles Tochter Sina beispielsweise ist ein Punk und man spürt, dass Helle das nicht so toll findet. Es fühlt sich für mich so an, als tue Helle dies als Phase ihrer Tochter ab, als sei es jugendlicher Leichttsinn. Vor allem mit dem Kleidungsstil kann sich Helle überhaupt nicht anfreunden (134). All dies negiert Helles angebliche Toleranz und Offenheit deutlich.

Helle und die Abgeschiedenheit Skagens

Ich glaube, meine größten Schwierigkeiten hatte ich mit Helle. Sie war mir den ganzen Krimi hindurch unsympathisch, ich wurde einfach nicht mit ihr warm. Die fehlende Verbindung zu ihr tut mir wirklich fast schon leid, denn eigentlich macht mich Helles sichtliche Einsamkeit wirklich traurig. In meinen Augen ist Helles großes Problem die Trostlosigkeit, die Tristesse und die Einsamkeit in Skagen. An einer Stelle im Krimi sagt Helle selbst, dass sie sich langweile (138). Einerseits kann ich vollkommen nachvollziehen, dass sie den Fall um den Toten im Tivoli leiten möchte, denn so passiert endlich einmal etwas in Skagen und es wird spannend in ihrem sonst öden Alltag. Doch das ist noch lange kein Grund, sich in die Angelegenheiten der Polizei in Kopenhagen einzumischen.

In meinen Augen macht sie sich total lächerlich. Sie bettelt regelrecht darum, an Fällen mitzuarbeiten, die nicht ihren Zuständigkeitsbereich betreffen. Auch ihre unüberlegten Handlungen – die Fahrt nach Kopenhagen und vor allem die Fahrt nach Kiel – finde ich völlig überzogen. Helle lässt das einzig und allein verzweifelt wirken und gerade ihren Besuch in Kopenhagen konnte ich nicht nachvollziehen. Im Polizeipräsidium angekommen, biedert sie sich dermaßen an, dass mir allein vom Lesen schlecht wird. Sie ist sich darüber im Klaren, dass ihr Vorgesetzter völlig genervt von ihr ist und gibt ihr mehrfach zu verstehen, dass sie nicht für den Fall zuständig ist, und doch gibt sie nicht auf. Das lässt Helle wirklich unglaublich unsympathisch wirken.

Als ihr Kollege sie offen fragt, was für ein Problem sie eigentlich habe (138), würde ich am liebsten schreien: „Das frage ich mich auch!“. Doch ganz so einfach zu verstehen ist das gar nicht. Helle versucht einen Kompromiss auszuhandeln. Sie fahre zurück nach Skagen und lasse Sören und seine Kollegen in Ruhe den Fall abschließen, wenn er sie wenigstens einmal auf den aktuellen Stand der Ermittlungen bringt (139). An dieser Stelle habe ich mich direkt gefragt, wieso sie das wissen möchte, wenn sie doch sowieso nicht mehr an diesem Fall mitarbeiten werde, habe es aber letztendlich damit abgetan, dass sie einzig ihren Wissensdurst stillen möchte und sich freut, wenn etwas Aufregendes in ihrem Leben passiert. Wie ungewöhnlich und aufregend für sie die Situation ist, bei der Besprechung in Kopenhagen dabei sein zu dürfen und alle Infos über den Toten im Tivoli zu erhalten, zeigen ihre Nervosität und ihre pitschnassen Hände (140).

Helles Ambivalenz wird gegen Ende des Buches deutlich, als sie eine Stelle bei der Mordkommission in Kopenhagen angeboten bekommt und diese ablehnt. Dies tut sie nicht aus verletztem Stolz oder dergleichen, denn als sie sagt, dass sie lieber weiterhin Falschparker und Ladendiebe in Skagen jagen wolle, kaufe ich ihr das voll ab. Ganz im Ernst! Ich bin der festen Überzeugung, dass Helle das auch wirklich so meint.

Schlussendlich kann die Tatsache, dass der Mord am Gymnasialdirektor dann doch in Helles Zuständigkeitsbereich fällt, nichts mehr retten. Alles in allem wirkt das so unglaublich gezwungen und konstruiert auf mich. Ganz so, als habe Arendt am Ende Helle noch einmal Recht zusprechen wollen, um sie nicht völlig unsympathisch wirken zu lassen. Aber leider kann dieses Eingeständnis – Die Tatsache, dass Helles Pochen darauf, es sei ihr Fall, sich letztendlich als korrekt herausstellt – das Ruder auch nicht mehr herumreisen.

Schlussbetrachtung

Was soll ich noch groß sagen? Helle und der Tote im Tivoli hat mir eine vollständige Achterbahnfahrt der Gefühle beschert – leider aber keine positiven in mir ausgelöst. Die Story hat unglaublich viel Potential, gerade mit dem Handlungsort Tivoli, einem Vergnügungspark, hätte man so einen schönen Krimi konstruieren können. Ich war unglaublich neugierig auf Helles ersten Fall und umso trauriger macht es mich, dass mich Helle und der Tote im Tivoli nicht überzeugen konnte und ich künftig keine weiteren mit Helle aufklären werde.