Dieses Buch ist ein wirklicher Hingucker. Das in altrosa gehaltene Cover mit den Blumenabbildungen und den goldenen Punkten (die mir tatsächlich erst sehr spät aufgefallen sind) sind ein wahrer Mädchentraum. Sowohl der Buchtitel als auch das Cover lassen nicht erahnen, welche ernste Thematik zwischen den Buchdeckeln behandelt wird. Aber das finde ich nicht nicht schlimm (auch generell betrachtet nicht), denn seien wir ehrlich, was hätte man auf dem Cover abdrucken sollen, um den Leser auch nur halbwegs adäquat auf den Inhalt vorzubereiten?

Das Buch hat mit seinen etwas mehr als 570 Seiten eine stattliche Größe und ebenso Gewicht. Hier hätte ich mir ein Lesebändchen gewünscht, da es mir das Lesen dieses Wälzers vermutlich erleichtert hätte. Obwohl ich ein vorsichtiger Leser bin und das Buch ausschließlich zu Hause gelesen habe, ist der Schutzumschlag ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden. Auch insgesamt sieht es nach einmaligen Lesen bereits sehr zerlesen aus, aber da der Buchrücken noch intakt ist und wie neu daherkommt, ist es für mich nicht weiter schlimm.

Meine Leseeindrücke

Als ich durch die Seiten des Bloggerportals gescrollt habe, bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Ich habe vor einigen Jahren bereits ein Buch von Picoult gelesen („Schuldig„) und war von ihrem Schreibstil begeistert, sodass ich mir von Kleine große Schritte den Klappentext durchlas und es kurzerhand anfragte. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an das Bloggerportal und C. Bertelsmann für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Zugegeben, bisher habe ich noch kein Buch über diese Thematik gelesen, aber vielleicht machte mich gerade dies so neugierig. Und vielleicht auch ein bisschen die Tatsache, dass Picoult als weiße Frau über den alltäglichen Rassismus schreibt, den Afroamerikaner ausgesetzt sind.

Denn genau das ist es, worum sich dieser Roman dreht: Rassismus. Ruth Jefferson ist eine afroamerikanische Kinderkrankenschwester, die in ihrem Leben alles erdenkliche tut, um diesem unterschwelligen, alltäglichen Rassismus zu entkommen und als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet zu werden. Sei es ihre schulische Laufbahn, die sie mit Bravour meisterte oder ihre Wohnortwahl. Sie sparte jeden Cent in ihrem Leben, um in ein weißes Viertel zu ziehen, damit sie ihrem Sohn die beste Ausgangsmöglichkeit bieten konnte, um nicht mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Der Roman ist aus der Sicht von drei unterschiedlichen Personen geschrieben, sodass neben Ruth Jefferson noch Turk Bauer, der Vater des verstorbenen Kindes, sowie Kennedy, Ruths Verteidigerin, zu Wort kommen.

Diese Dreiteilung finde ich sehr gelungen, denn so hat man als Leser den Eindruck, den Fall aus allen Perspektiven zu betrachten und eben nicht ausschließlich aus der Sicht einer Afroamerikanerin oder eines Rechtsradikalen.
Mit Kennedy erhält die vermutlich interessanteste Figur Einzug in diesen Roman, denn durch sie erfahren wir, wie unterschwellig Rassismus im Alltag vorkommen kann. Ich kann mich an eine Stelle im Roman erinnern, an der Ruth erzählt, dass ihr Sohn das College besuchen wird, woraufhin sie zu hören bekommt, dies sei für einen Jungen wie ihn doch eine sehr große Chance. Selbstverständlich ist dies vom Redner nicht als Beleidigung oder sonstige Abwertung zu verstehen und doch sieht man hieran sehr schön, wie Alltags-Rassismus funktioniert. Denn streng genommen ist diese Aussage – „Ein Junge wie er“ – eben genau das, eine Beleidigung. Sie bringt die Stigmatisierung sehr deutlich zum Ausdruck.
Auch Turk finde ich sehr gut getroffen. Natürlich hat er mich stellenweise sehr aggressiv gemacht und ich konnte nur völliges Unverständnis für ihn und seine Einstellung aufbringen. Doch genau dies zeigt, dass Picoult diese Figur perfekt charakterisiert hat, denn er soll unsympathisch erscheinen. Man soll ihn nicht mögen und man tut es auch nicht. Aber sein Charakter ist unerlässlich, um dem Leser das Gefühl zu geben, die Thematik von allen Seiten beleuchtet zu haben. Das finde ich sehr gelungen!

Alles in Allem hat mir dieses Buch gefallen, der Klappentext hält, was er verspricht und der Roman als Solches trägt unverkennbar Picoults Handschrift, ihr flüssiger Schreibstil mitsamt ihrer eloquenten Ausdrucksweise findet sich auf jeder Seite wieder. Obwohl ich mir für Turk tatsächlich einen derberen Wortschatz gewünscht hätte, denn stellenweise war er mir ein wenig zu reflektiert und wortgewandt.

Der Roman ist grob in zwei große Themenkomplexe aufgeteilt. Ungefähr die ersten 100 Seiten des Romans behandeln den Vorfall im Krankenhaus, in dem Turks Sohn stirbt, die restlichen knapp 400 Seiten drehen sich um den Gerichtsprozess.
Ich habe den Zugang zu diesem Roman wirklich sehr schnell gefunden, ich fühle mich direkt mitten im Geschehen, als ob ich im Krankenhaus mit anwesend wäre und hautnah miterlebe, wie Ruth den Aufkleber „Keine Behandlung durch afroamerikanisches Personal“ auf der Akte von Turks Sohn erblickt. Und gleichzeitig muss ich ehrlich gestehen, dass mich der Roman auch genauso schnell wieder verloren hat. Waren die ersten Kapitel im Krankenhaus noch spannend und mitreißend, ermüdete mich der Mittelteil sehr. Ich kann gar nicht genau sagen, woran das lag. Ich hatte den Eindruck, dass einfach nichts passiert, obwohl es das tut. Der Mittelteil ist wesentlich für den gesamten Handlungsverlauf und für das Ende des Romans und doch hatte ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten.
Als Ruth gegen Ende des Gerichtsprozesses dann unbedingt auch noch selbst aussagen wollte und damit Gefahr lief, die Situation dadurch zu verschlechtern, sah ich kurzzeitig alle Felle davonschwimmen. Aber genau danach hat mich der Roman wieder in sich aufgesogen, ich wollte nun unbedingt wissen, wie es endet.

SCHLUSSBETRACHTUNG

Picoult hat mit diesem Buch ein brisantes und wichtiges Thema in einen Roman gepackt, den man unbedingt lesen sollte. Auch, wenn mir die Story ein wenig langatmig erschien und ich mich zwischenzeitlich von Seite zu Seite hangeln musste, schmälert dies nicht im Geringsten die Qualität dieses Romans. Klare Leseempfehlung!

Mir gefällt die Idee hinter diesem Roman sehr gut und ich bin begeistert, wie Picoult es umgesetzt hat. Die Dreiteilung der Erzählperspektiven ist in meinen Augen ein klarer Pluspunkt dieses Romans und erlaubt dem Leser, Alltags-Rassismus aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und vielleicht sogar in seinem eigenen Alltag zu erkennen und bestenfalls sogar zu unterbinden.

ECKDATEN & WEITERE INFORMATIONEN

Titel: Kleine große Schritte | Autor: Jodi Picoult | Übersetzer: Elfriede Peschel | Verlag: C. Bertelsmann | Seitenzahl: 588 | Hardcover | ISBN: 978-3-570-10237-4

Neugierig geworden? Hier geht es zur Leseprobe!
Außerdem gibt es zu diesem Roman noch einen Buch-Trailer.

Vielen Dank an C. Bertelsmann und das Bloggerportal für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares!