Nachdem ich Kleine große Schritte von Jodi Picoult gelesen habe, wollte ich unbedingt noch das Prequel zu diesem Buch lesen. Dieses nimmt die Protagonistin Ruth Brooks, wie sie als Achtjährige noch heißt, in den Fokus. Da sie in dem Roman mein favorisierter Charakter war, freute es mich sehr, auf Das Mädchen mit den roten Schuhen aufmerksam geworden zu sein.

In diesem 70 Seiten umfassenden E-Book erhalten wir Einblick in Ruth Brooks‘ Leben als Achtjährige. Sie lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Harlem in ärmlichen Verhältnissen und erhält – für ein dunkelhäutiges Mädchen Ende der Siebziger Jahre einzigartig – die Möglichkeit, eine Eliteschule in New York zu besuchen. Ruth nimmt diese einmalige Chance sehr ernst und muss doch schnell feststellen, dass es nicht darauf ankommt, wie begabt oder talentiert man ist, sondern vielmehr, welche Farbe die eigene Haut hat.

Ruth besucht gemeinsam mit Christina, der Tochter der Arbeitgeberin ihrer Mutter, die Privatschule. Wenn Christina und Ruth sich an den Nachmittagen sehen, verhält sich Christina Ruth gegenüber ganz anders, als sie es in der Schule vor ihren Freundinnen tut. Aber auch die restlichen Mitschüler und die Lehrerin verhalten sich auffallend. Die Mitschüler machen deutlich, dass sie Ruth nicht in ihrem Klassenverband möchten. Die Lehrerin hingegen ist so überfürsorglich, dass ich mich als Leser schon ein wenig fremdschäme.

Das Prequel wird aus der Sicht von Ruth verfasst, man erfährt demzufolge hautnah, wie sich alltäglicher Rassismus gegenüber Afroamerikanern für ein farbiges Kind anfühlt. Das finde ich interessant, eröffnet es doch eine neue Perspektive auf diese Thematik.
Auch Picoults gewohnt ansprechender Schreibstil lässt sich in diesem kurzweiligen E-Book wiederfinden. Ein großer Pluspunkt, denn Picoults Handschrift wertet jede Erzählung und jeden Roman auf. Im Fall von Das Mädchen mit den roten Schuhen vielleicht gar ein wenig zu sehr, da mir Ruth an einigen Stellen für eine Achtjährige zu erwachsen, ja zu reflektiert wirkte.

Da ich das Prequel erst nach dem eigentlichen Roman gelesen habe, verschiebt sich ein wenig meine Wahrnehmung. Durch Kleine große Schritte habe ich eine starke und sympathische Ruth kennengelernt und mit dem Lesen des Prequels erhoffte ich mir, eine Ruth kennenzulernen, die noch nicht so lebenserfahren ist, die gar noch ein wenig kindhaft wirkt. Eine für ihr Alter angemessene Charakterentwicklung sozusagen.

Und genau hier setzt meine bereits erwähnte Kritik an. Ruth Brooks ist mir in Das Mädchen mit den roten Schuhen zu wenig Kind. Aber diese Erkenntnis lässt mich gleichzeitig nachdenklich werden. Ist es, weil Picoult mit Ruth eine starke Frau geschaffen hat und an dieser Charakteristik auch bei der heranwachsenden Ruth festhalten möchte oder ist es den Umständen geschuldet, die Picoult versucht mit diesem Prequel und dem Roman aufzuzeigen? Vielleicht muss man als achtjähriges dunkelhäutiges Mädchen in New York bereits in diesem Alter derart rational denken können. Ich bin mir nicht sicher, vielleicht ist es auch ein wenig von beidem.

Hätte ich das Prequel jedoch vor dem eigentlichen Roman gelesen, hätte ich mich vermutlich über die Charakterisierung Ruths gefreut und aller Voraussicht nach Kleine große Schritte gelesen. Oder vielleicht auch nicht, da bin ich mir noch nicht ganz im Klaren darüber.
Denn, auch, wenn es zweifellos eine wichtige Thematik ist, wird das Prequel von der Rassismus-Thematik förmlich überschattet. Ich hätte mir gewünscht, dass Ruth zwischen dem Prequel und dem Roman eine Entwicklung durchgemacht hätte, das hätte der Story im Ganzen noch ein wenig mehr an Authentizität verliehen.

SCHLUSSBETRACHTUNG

Insgesamt finde ich die Idee eines Prequels, gerade bei diesem Roman, sehr schön. Allein die Umsetzung ist meiner Auffassung nach ein wenig verbesserungswürdig. Ich hätte mir gewünscht, mehr von der heranwachsenden Ruth zu erfahren und hätte mich gefreut, wenn die Rassismus-Thematik – auch, wenn sie zweifellos in Ruths Alltag, gleichgültig in welchem Alter sie sich befindet, allgegenwärtig ist – in dieser Geschichte ein wenig später den Fokus eingenommen hätte.

Überzeugen konnte mich aber Picoults ansprechender Schreibstil, sodass ich auch im Prequel Ruth in mein Herz geschlossen habe. Sie schreibt sehr flüssig, sodass ich das Mädchen mit den roten Schuhen empfehlen kann, gerade wenn man Ruth nach Kleine große Schritte so sehr ins Herz geschlossen hat, wie ich es getan habe. Oder aber natürlich auch als Vorbereitung auf knappe 600 Seiten Lektüre über alltäglichen Rassismus gegenüber Afroamerikanern. Durch das Prequel wird – neben den drei Perspektiven im Roman – noch eine neue Sichtweise auf die Thematik eröffnet, nämlich die eines dunkelhäutigen Kindes. Lesenswert!

ECKDATEN & WEITERE INFORMATIONEN

Titel: Das Mädchen mit den roten Schuhen | Autor: Jodi Picoult | Übersetzer: Elfriede Peschel | Verlag: C. Bertelsmann | E-Book | Seitenzahl: 70 | ET: 04.09.2017 | ISBN: 978-3-641-21960-4

Vielen Dank an C. Bertelsmann und das Bloggerportal für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares.