Will man sich – und das trifft sicherlich auf einige von euch zu – in Vorbereitung auf die Buchmesse ein wenig in große norwegische Literatur einlesen, landet man spätestens nach Namen wie Bjørnstjerne Bjørnson, Arne Garborg oder (etwas aktueller) Karl Ove Knausgård relativ schnell bei den Dramen von Henrik Ibsen. Das nicht zuletzt, da wir Deutschen Ibsen schon immer gern gelesen und noch lieber aufgeführt haben. Allein im Schauspiel hier in Frankfurt wurden in den letzten Spielzeiten eine ganze Reihe von Ibsens Stücken aufgeführt, von denen Sabrina und ich uns auch einige angeschaut haben.

Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch heute ein Stück von Ibsen zum Einstieg in sein Werk zu empfehlen. Eine möglicherweise ungewöhnliche Empfehlung wird es noch dazu, da die meisten Leute euch wahrscheinlich (und berechtigterweise) auf Ibsens große Werke wie Peer Gynt (1867), Stützen der Gesellschaft (1877), Nora (1879), Die Wildente (1884), Ein Volksfeind (1882) oder das skandalträchtige Gespenster (1881) hinweisen werden. Welches Werk wie wichtig und relevant ist, unterliegt natürlich einer gewissen Subjektivität, nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass Hedda Gabler (1890) immer ein wenig hintenansteht. Und genau aus diesem Grund möchte ich es euch heute empfehlen. Aber zunächst erst einmal – und in aller Kürze – ein wenig Hintergrund zu Ibsen selbst.

Henrik Ibsen (1828-1906)

Henrik Ibsen wird 1828 in Skien, der Hauptstadt der Provinz Telemark, als Sohn des angesehenen Kaufmanns Knud Ibsen geboren. Als Ibsen acht Jahre alt ist, übernimmt sich der Vater finanziell und muss Konkurs anmelden, mitsamt der gesellschaftlichen Ächtung, die damit einhergeht. Ibsen Junior wird durch diese Sache stark geprägt, geht es in nicht wenigen seiner Dramen doch um ähnliche finanzielle Desaster und deren sozialen Folgen. Mit 16 beginnt Ibsen eine Apothekerlehre in Grimstad, wohl aus Gründen der geldlichen Absicherung, obschon bereits damals das Schreiben seine Leidenschaft ist.

Mit Anfang 20 zieht Ibsen dann nach Christiania (auch Kristiania, damaliger Name für die Hauptstadt Oslo), um das Abitur abzulegen und dort sein erstes Stück Catilina zu veröffentlichen. Das Theater von Christiania lehnt die Inszenierung des Stücks jedoch ab. Wie das für junge Literaten wohl so üblich ist, gerät Ibsen auch mehr und mehr in liberale, sozialistische und intellektuelle Kreise, genug revolutionäres Gehalt hatte es in Europa dieser Tage ja gegeben. 1851 erhält Ibsen dann eine Anstellung als Dramaturg am neugegründeten Norske Theater in Bergen, welches sich als Nationaltheater verstanden wissen wollte, und steuert dort jedes Jahr ein historisches Stück im Sinne einer unspektakulären Nationalromantik bei. Ibsen behält die künstlerische Leitung bis 1857 inne und gibt dann an den eingangs erwähnten Bjørnstjerne Bjørnson ab. Zwischenzeitlich war er auch nach Dresden und Kopenhagen gereist, um sich mit dem dortigen Theaterwesen zu befassen.

Darüber hinaus übernimmt er 1857 die Leitung des Kristiania Norske Theater im damaligen Oslo, welches jedoch 1862 Konkurs anmelden muss. 1858 heiratet er die Pfarrerstochter Suzannah Thoresen, die ihn zeitlebens bei seiner Arbeit unterstützt, insbesondere bei der Ausgestaltung von Frauenfiguren. Die junge Familie, die ein Jahr später zu dritt sein wird, lebt in großer Armut, welche durch den erwähnten Niedergang des Theaters noch weiter befeuert wird. Er bewirbt sich für diverse Stipendien, wird jedoch wieder und wieder abgelehnt, bis ihm 1864 durch die Unterstützung von Freund Bjørnstjerne Bjørnson schließlich ein Reisestipendium nach Rom bewilligt wird. Von seinen Landsleuten vermeintlich verkannt, verlässt Ibsen seine Heimat für 27 Jahre und lebt unterdessen in Rom, Dresden und München. Während dieser Zeit entstehen all seine großen Werke, angefangen bei Brand (1866), die mehr und mehr dem Naturalismus zugeschrieben werden können. Diesen siedelt Ibsen im bürgerlichen Milieu an, um sich an der dortigen Doppelmoral und den daraus ergebenden Lebenslügen (wie er sie nennt) abzuarbeiten. Wie das genauer zu verstehen ist, werde ich noch erklären. Seine späten Werke durchziehen auch mehr und mehr Spuren von Symbolismus, die dem Naturalismus entgegenstehen. Ibsen selbst jedoch verstand sich zeitlebens keiner konkreten literarischen Richtung zugehörig.

1891 kehrt Ibsen als gemachter Mann nach Norwegen zurück. Seine Stücke wurden in ganz Europa aufgeführt und nicht selten gingen ihre Veröffentlichung qua der naturalistischen und kritischen Prägung mit Skandalen einher. So zum Beispiel Gespenster (1881), welches in Norwegen als bösartiger Angriff auf die Gesellschaft verstanden wurde. Theater verweigerten die Aufführung, Buchhändler den Verkauf, Käufer brachten das Buch aus Scham wieder zurück. Nichtsdestotrotz ist er nun ein gefeierter Dramatiker und ein Mann von Welt. In den Folgejahren erscheinen erste Werksausgaben, jedoch ereilt Ibsen 1900 ein erster und 1901 ein zweiter Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmt. Im Mai 1906 stirbt Ibsen in seiner Wohnung in Christiania. In Norwegen erzählt man sich gerne die Geschichte um seine letzten Worte: Eine Krankenschwester versichert einem Besucher/ Familienmitglied, dass es dem Patienten heute besser gehe, da steht Ibsen im Bett auf und protestiert „tvert imot“ (Im Gegenteil), fällt zurück ins Bett und stirbt. Ein Abgang, wie er typischer für Ibsen nicht hätten sein können.

Aber nun genug zur Person Ibsen, schauen wir uns jetzt Hedda Gabler an.

Hedda Gabler (1890)

Die Handlung von Hedda Gabler setzt im Ibsen nur zu vertrauten Christiania an, in der Villa der Tesmans. Hedda Gabler, die Tochter des Generals Gabler, und Jørgen Tesman sind gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt und beziehen nun die neu erworbene Villa, ehemals im Besitz des verstorbenen Staatsrats Falk. Jørgen ist ein bestrebter, beinahe pedantischer Kulturwissenschaftler und Sammler, der die Reise genutzt hat, um sich im Ausland zum Doktor ernennen zu lassen und sein Buch voranzubringen, von dessen Publikation er sich eine Professorenstelle erhofft. Diese benötigt er dringend, um die himmelhohen Ansprüche von Hedda befriedigen zu können. Auch die Villa sowie deren Einrichtung konnte nur durch das Verpfänden der Renten der beiden Tanten Tesmans und dem Zuspiel des befreundeten Richters Brack realisiert werden. Wir erkennen in Jørgen schnell das Sinnbild biederer bürgerlicher Moralität. Hedda dagegen ist vor allem eines: gelangweilt. Sie ist elegant, selbstbewusst, jedoch auch eiskalt und ein wenig nervös. Nachdem sie nun ausreichend ihre Jugend gelebt hat, erhofft sie sich aus der Heirat eine gesicherte und angesehene gesellschaftliche Stellung. Jørgen und seiner Tätigkeit begegnet sie mit Gleichgültigkeit. Die Gegensätzlichkeit der beiden verdeutlicht sich in den Schatten in die Zukunft werfenden Bahnfahrten der Reise, auf denen sich die beiden nichts zu sagen haben.

Als weitere wichtige Charaktere treten Eilert Løvborg und Thea Elvsted auf den Plan. Løvborg ist ebenfalls Kulturwissenschaftler, ein Rivale aber auch ehemaliger Freund von Herrn Tesman, der sich nach Alkoholexzessen und anderen Unsittlichkeiten aufs Land zurückgezogen hat, um dort als Hauslehrer bei Frau Elvsted und ihrem Mann zu arbeiten. Im Zuge dessen beginnen die beiden eine Affäre, Løvborg reinigt sich von seinen früheren Verfehlungen und publiziert ein erfolgreiches Buch. Bei seiner Ankunft in der Villa erfahren wir allerdings, dass jenes Buch für ihn nichts Besonderes ist, nicht lesenswert, letztlich nur das, was man von ihm erwartet hatte, mit dem Zweck, sich in der Stadt wieder eine Stellung aufzubauen. Tatsächlich hat er ein zweites, noch unveröffentlichtes Buch geschrieben, das die eigentliche Quintessenz seiner selbst ist. Ganz im Gegensatz zum Buch von Tesman, das sich um Vergangenes dreht, soll sich dieses Buch – für die damalige Kulturwissenschaft untypisch – mit der Zukunft auseinandersetzen.

Frau Elvsted verlässt daraufhin von jetzt auf gleich ihren Ehemann, um Løvborg in die Stadt zu folgen und weiterhin an seiner Seite zu sein. Wir erleben sie in diesem Sinne als mutige Frau, ganz im Gegensatz zu Hedda, die zu feige scheint, das umzusetzen, was sie für das wahre Leben hält und in der Konsequenz in einer Ehe verkümmert und verfault, der sie nichts als Unlust und Verdruss abgewinnen kann. Ihre stets wieder Erwähnung findende Langeweile erinnert ein wenig an den Ennui von Baudelaire. Zudem erfahren wir zwischen den Zeilen immer wieder, dass Hedda wohl schwanger ist, ein Zustand, der auf das weitere Verfestigen ihrer selbstgewählten qualvollen Lebenssituation hinausläuft. Die Tatsache ist insofern nicht unwichtig, da der Begriff des Kindes im Verlauf des Stückes noch eine wichtige Rolle einnehmen wird. Hedda sehnt sich – wie sie immer wieder betont – nach Schönheit, eine fatale Sehnsucht, wie sich im Verlauf der Handlung zeigt, die aber immer wieder deutlich wird. Der gemütliche Herrenabend, zu dem Tesman und Løvborg von Richter Brack eingeladen werden, wird plötzlich zum antiken Bacchanal und den unentschlossenen Løvborg stilisiert Hedda immer wieder zum Dionysos mit Weinlaub im Haar. Hier und an vielen anderen Stellen zeichnet sich der bei Ibsen vor allem in späteren Werken immer wiederkehrende Symbolismus ab, der zur damaligen Zeit mehr und mehr an Fahrt gewinnt.

Abschließende Betrachtung

Soviel muss an dieser Stelle ausreichen, um nicht zu viel der Handlung vorweg zu nehmen. Alles in allem ist Hedda Gabler möglicherweise nicht Ibsens bedeutendstes oder bekanntestes Werk, nichtsdestotrotz haben wir hier einiges Interessantes, was das Stück lesenswert macht. Zum einen treffen wir hier auf den typischen Naturalismus von Ibsen, die verkrustete bürgerliche Moral seiner Zeit beschreibend, unter deren Oberfläche unterdrückter Drang, Anpassung, Feigheit, Verzicht und manchmal noch viel Ärgeres wie Inzest, Ehebruch oder Euthanasie liegt, Lebenslügen, wie Ibsen immer wieder nennt. Ibsen beschreibt das wahrhaftige Leben im bürgerlichen Milieu, ungeschminkt und beizeiten hässlich, voller Wirren, Ansprüche und Erwartungen, die in einer Determiniertheit münden, denen sich die Protagonisten nicht entziehen können. Zudem haben wir mit Hedda hier eine wirklich bemerkenswerte (und zitierbare) weibliche Figur, die mit ihrem Ästhetizismus einen Prototyp für jene Frauenfiguren darstellen könnte, die wir später in der Décadence finden werden. Und letztlich sehen wir in Tesman und Løvborg zwei vollkommen entgegengesetzte Typen von Wissenschaftlern: Tesman als klassisch fleißige und strebsame Konservativvariante, Løvborg dagegen als alkoholsüchtigen, unsteten, aber genialen Träumer, der das Unkonventionelle sucht. Tesman wirkt dabei manchmal etwas überzeichnet, sodass man ihn fast naiv nennen möchte. Ihr seht, mit Hedda Gabler habt ihr auf jeden Fall einen lesenswerten Startpunkt, um in das Werk von Ibsen einzutauchen. Wie viele andere Ibsen-Dramen gibt es das Stück als preiswerte, kleine Reclam-Ausgabe, die ich nur empfehlen kann, mitsamt einen Nachwort von Helmut Bachmaier.