Auf Alice Oseman bin ich wirklich durch Zufall aufmerksam geworden und ich bin wirklich froh darüber. Hätte ich auf der Buchmesse vor 2 Jahren nicht die Leseprobe zu Solitaire mitgenommen, hätte ich vermutlich bis heute nichts von dieser großartigen Autorin gehört, geschweige denn gelesen. Und ich glaube, dass ich ohne sie niemals zu YA gegriffen hätte. In Deutschland ist Oseman (noch) weitestgehend unbekannt und ich kann mir nicht erklären, wieso das so ist. Sie schreibt grandiose YA-Bücher.

Ich habe euch ihren zweiten Roman Radio Silence bereits als eines meiner Herzensbücher vorgestellt und heute folgt ihr aktueller Roman I Was Born For This (IWBFT). Ich habe wirklich sehnsüchtig auf einem neuen Roman von Oseman gewartet, habe in regelmäßigen Abständen auf der Verlagsseite geschaut, ob es eine Ankündigung gibt, aber nein. Meine Suche blieb ergebnislos. Bis ich im März einen Tweet von Oseman sah, in dem sie ankündigte, dass in nicht einmal 2 Monaten ihr neuer Roman erscheinen würde. Bitte, was? Das ist ja fabelhaft!

Nachdem ich den Klappentext gelesen und direkt überzeugt war, habe ich das Buch vorbestellt. Zugegeben, ich hätte es auch blind vorbestellt. Am 3. Mai sollte es erscheinen und ich konnte es kaum erwarten. Um die Wartezeit zu überbrücken, habe ich Osemans Youtube-Kanal durchstöbert und jedes noch so kleine Video mit Informationen zu ihrem neuen Roman geschaut. Hier liest sie sogar das erste Kapitel aus IWBFT vor.

I Was Born For This

Nachdem ich das Schmuckstück in Händen hielt, steckte ich direkt meine Nase hinein. Das Buch wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt, Angel Rahimi teilt sich die Kapitel mit Jimmy Kaga-Ricci.

Zum einen geht es um Angel, die zum ersten Mal nach London reist und sich dort mit einer Freundin trifft, die sie zwar schon Jahre kennt, bisher aber nur über das Internet mit ihr Kontakt hatte. Doch für Angel ist dies gar kein Problem, denn beide sind große Fans der Boyband The Ark. Wobei Fans vielleicht nicht die richtige Bezeichnung ist, es ist schon mehr eine Obsession.

So treffen sich Angel und Juliet in London, um dort ein Konzert der Band The Ark zu besuchen. Gemeinsam erleben sie in dieser Woche das ein oder andere Abenteuer, bei dem jedes Fangirl-Herz höherschlägt. Es geht aber um so viel mehr als um den Besuch des Konzerts. Es geht ebenso um Träume, um Freundschaft und die Liebe.

Zum anderen lernen wir Jimmy kennen, ein Mitglied der Band The Ark. Sie sind eine sehr erfolgreiche Jugend-Boyband und man kommt nicht umhin, hier klischeebehaftet zu sein. Zumindest anfangs. Doch dann erinnere ich mich daran, dass es ein Buch von Oseman ist und ich weiß sicher, dass es keine Stereotype erfüllen wird.
Ein glattgebügelter, weißer Jugendlicher, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat und damit eine Menge Geld verdient. Die Welt liegt ihm zu Füßen, gerade die Frauen – er kann wählen, mit wem er seine Zeit verbringen möchte. Er führt ein erfülltes, glückliches Leben ohne jegliche Sorgen. So ist es doch, oder? Oder? Fehlanzeige! Und genau das mag ich sehr.

Oseman at her finest

Die Handlung des Buches erstreckt sich auf eine Woche im Leben von Angel und Jimmy und wie sie sich innerhalb dieser Woche wiederholt begegnen und letztendlich kennenlernen. Und auch, wenn die beiden nicht unterschiedlicher sein könnten – Sie, eines von tausenden Fangirls; Er, ein erfolgreicher Musiker in einer Band – werden sie schnell herausfinden, dass sie doch viel mehr gemeinsam haben, als sie ahnen.

Aber keine Angst, dieser Roman ist gewiss keine Liebesgeschichte. Kein langweiliger Plot, der nach Schema F verläuft. Und das ist genau das, was ich an Osemans Romanen so schätze. Jeder ihrer Romane gibt mir die Hoffnung daran zurück, dass es im Leben von Jugendlichen nicht ausschließlich um den süßesten Typen in der Schule geht, in den man unsterblich verliebt ist und wie man ihn sich angelt. Erwachsenwerden bedeutet so viel mehr und das bringt Oseman in ihren Romanen ganz wunderbar zum Ausdruck.

Die Charaktere, die sie erschafft, sind vielseitig und vor allem klischeefrei. Das mag daran liegen, dass Oseman selbst noch jung ist und gewissermaßen über ihre eigene Generation schreibt. Das schafft Authentizität. Außerdem bekommt man nicht den typischen weißen heterosexuellen Jugendlichen präsentiert. Vielmehr schafft es Oseman ihre Charaktere vielfältig zu skizzieren – und das, ohne dies unnötig ausschweifend zu diskutieren oder zu analysieren, sondern als etwas völlig Alltägliches angesehen wird. Das gefällt mir sehr gut.

So trägt Angel einen Hijab und Jimmy ist a biracial gay trans musician und doch sind sie in erster Linie eines: Jugendliche mit ganz normalen Problemen und Sorgen, die man in diesem Alter hat. Sie versuchen ihre Identität zu finden, sie hinterfragen ihre Sexualität und vor allem versuchen sie mit family and friendship problems umzugehen.

Identität, Selbstfindung, mental illness 

Und genau das macht dieses Buch für mich so besonders: Es beschäftigt sich mit so vielen wichtigen Themen fernab des love interests. Es konzentriert sich auf Themen wie Identität und Selbstfindung. Aber auch mental illness wird problematisiert und das finde ausgesprochen wichtig.

Angel und ihre Freundin sind beispielsweise absolute Fans von The Ark und zu wirklich keinem Zeitpunkt wird dies in diesem Roman in irgendeiner Weise kritisiert. Vielmehr bestärkt Oseman einen, seiner Leidenschaft zu folgen, seine Zeit in Dinge zu investieren, die einen glücklich machen. Und dabei ist es egal, was es ist. Es geht nur darum, dass du glücklich bist und herausfindest, wer du bist bzw. wer du sein möchtest. Und wenn es deine Erfüllung ist, schreiend in der ersten Reihe bei einem Boyband-Konzert zu stehen, deinen Kleiderschrank mit Bandmerch zu füllen und deine Playlist ausschließlich mit Liedern dieser Band zu füllen – Tu es! Fandom wird nicht als etwas Abartiges, Unnormales angesehen, vielmehr wird herausgearbeitet, welche Möglichkeiten und Chancen durch Fandom entstehen können – welche (positiven) Auswirkungen es auf das Leben haben kann. Und allein dies ist so unglaublich schön!

Aber auch, dass auf die psychische Gesundheit bzw. dem Gegenteil eingegangen wird, finde ich wichtig und richtig. Ich habe in letzter Zeit einige Bücher gelesen, die diese Problematik zum Gegenstand haben, aber wirklich keines hat es in meinen Augen so gut umsetzen können wie IWBFT. Hier ist es wirklich on point. Oseman zeigt hier sehr schön, was es bedeutet, wenn dich eine psychische Krankheit daran hindert, etwas zu tun, egal, wie einfach es rational betrachtet wäre, die Handlung auszuführen. Oft verfällt man als Außenstehender in die Rolle desjenigen, der den Finger erhebt oder nur müde die Augenbrauen hochzieht und sagt: Wieso tut er es denn nicht einfach? Das ist doch keine große Sache. Doch genau das ist es in diesem Moment für jemanden, der mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen hat.

Literarischer Geheimtipp!

Ich mochte dieses Buch wirklich sehr.Oseman übertrifft sich mal wieder selbst – gerade die Charaktere sind wirklich schön herausgearbeitet worden. Und auch die Geschichte als solches finde ich kreativ, gut und zeitgemäß – verstanden auf eine gute Art und Weise – umgesetzt. Eine klare Leseempfehlung von mir!

Gerade, weil Osemans Romane in Deutschland bedauerlicherweise (noch) nicht so rezipiert werden, wie sie es verdient hätten, lege ich dieses Buch (und natürlich auch alle anderen Bücher von ihr) jedem ans Herz, der gerne YA liest, dabei aber nicht ausschließlich über love interests lesen möchte und vielschichtige und vor allem  klischeefreie Charaktere zu schätzen weiß.

Eckdaten & weitere Informationen

Titel: I Was Born For This | Autor: Alice Oseman | Verlag: Harper Collins | Paperback | Young Adult, Fiction | Englisch |  Seitenzahl: 400 | ET: 03.05.2018 | ISBN: 9780008244095