Am Wochenende habe ich nach langer Zeit endlich wieder einen Roman von Adriana Popescu gelesen. Ihre Romane Lieblingsmomente und Lieblingsgefühle sowie Versehentlich verliebt oder auch Ewig und Eins mochte ich sehr. Doch eben genau seit der Lektüre dieser Romane habe ich meine Nase nicht mehr in eines ihrer Werke gesteckt. Am Wochenende habe ich aufgrund des fabelhaften Wetters einige Stunden lesend auf der Terrasse verbracht und habe dies zum Anlass genommen, den neuesten Roman Mein Sommer auf dem Mond von Popescu einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

In diesem Roman überrascht uns Popescu mit einem außergewöhnlichen Setting: Es geht nach Rügen auf den Sonnenhof, ein Therapiezentrum für Jugendliche. Dort lernen wir Franziska, Fritzi genannt, Bastian, Tim und Sarah kennen, wobei der Roman abwechselnd aus der Sicht von Fritzi und Bastian erzählt wird. Die vier Jugendlichen sind alle aufgrund unterschiedlicher psychischer Erkrankungen im Sonnenhof, erst im Verlauf des Roman erfährt man, mit welchen Dämonen die einzelnen Jugendlichen tagtäglich zu kämpfen haben. Sie bilden zusammen das Team der Astronauten, das im 3. Stock der Einrichtung beheimatet ist. Sowohl die beiden Jungs, als auch die beiden Mädchen teilen sich jeweils ein Zimmer. Und wie man es sich vielleicht schon denken kann, ist der Alltag im Sonnenhof alles andere als vorhersehbar und so hält dieses Buch einige Abenteuer für den Leser bereit.

Schreibstil & Aufmachung

Schon nach wenigen Seiten machte mein Herz Freudensprünge: Hier ist er wieder – Popescus großartiger Schreibstil. Der Roman ist ebenso wie die anderen Bücher von Popescu, die ich gelesen habe, ansprechend geschrieben. Er liest sich flüssig, man fliegt nur so durch die Seiten. Trotz schwieriger Thematik ist es ein locker leichtes Buch, das sich hervorragend für ein sommerliches und sonniges Wochenende eignet.

Das suggeriert auch schon bereits die pastellfarbene Gestaltung des Covers sowie die Auswahl des Schauplatzes. Wir befinden uns in Rügen am Strand, wer verspürt da nicht direkt Urlaubsfeeling? Sehr niedlich und gelungen finde ich auch die Möwen, die sowohl jeden Kapitelanfang als auch das Ende eines jeden Kapitels schmücken. Generell finde ich es immer sehr schön, wenn Elemente vom Cover im Buch selbst wieder aufgegriffen werden und sich damit wie einen roten Faden durch die Geschichte ziehen.

Über die verschiedenen Schriftarten, die verwendet werden, um die Stimmen in den Köpfen klar von dem Gesprochenen der Jugendlichen abzugrenzen, kann man sich streiten. Dass hier eine Unterscheidung in der Schriftart vorgenommen wird und nicht bloß ein neuer Absatz beginnt oder ein Einschub erfolgt, finde ich sehr schön. Einzig über die Auswahl der Schriftart bei Bastians „innerer Stimme“ bin ich ein wenig unglücklich. Manchmal musste ich die Sätze zweimal lesen, um sie korrekt  entziffern zu können. Das ist ein wenig schade, aber auch nicht weiter dramatisch, da es immer nur sehr kurze Einwürfe von wenigen Worten sind. Das verkraftet man.

An manchen Stellen im Roman finde ich die Anspielungen auf Filme, Musik oder sonstigem Kulturgut ein wenig zu viel des Guten. Es wirkt ein wenig so, als ziehe Popescu alle Register und packe alles Wissen rund um die Nerd-Kultur in diesen einen Roman. Hier hätte ich mir gewünscht, dass diese teilweise wirklich sehr gelungenen Anspielungen ein wenig dosierter in den Roman eingeflochten worden wären. So wirkt es ein wenig überladen. Mehr ist nicht immer automatisch besser.
Ähnlich erging es mir bei den Untertiteln der einzelnen Kapitel. Auch hier wirkt es für mich, im Gesamtbild betrachtet, insgesamt ein wenig überladen, ein wenig zu viel des Guten.

Figuren

Es tut mir wirklich leid, dies jetzt so deutlich sagen zu müssen, aber: Die Charaktere bleiben für mich sehr konturlos, sehr schwammig. Damit meine ich jetzt nicht, dass man nur – zumindest zu Beginn des Romans – nur spärliche Informationen darüber erhält, weswegen die Jugendlichen im Sonnenhof sind, sondern vielmehr wird ihr Charakter wenig beschrieben. Man erfährt kaum etwas über die Vier, das nicht mit ihrem Leben innerhalb des Sonnenhofes oder mit ihrer Krankheit zu tun hat. Gerade in diesem Setting wäre es in meinen Augen wichtig gewesen, vielschichtige Charaktere herauszuarbeiten. So kann ich nur schwer eine Verbindung zu den Figuren herstellen, ich werde nicht Teil der Geschichte, sondern bleibe den kompletten Roman hindurch Zuschauer.

Der Klappentext verspricht einen coolen Sportler, eine niedliche Träumerin, den lässigen Underdog und eine freche Sprücheklopferin. Ich habe wirklich Mühe, diese Beschreibungen den Charakteren im Roman zuzuordnen, einfach weil sie so wenig beschrieben werden. Die Zuschreibung erfolgt vielmehr über das Ausschlussprinzip.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Fritzi und Bastian erzählt. Selbst dieser quasi doppelte Erzählstrang schafft es nicht, mich als Leser mehr in die Geschichte einzubinden. Trotz der zwei unterschiedlichen Perspektiven, aus der man auf den Roman blickt, bleiben die Charaktere für mich weiterhin konturlos.
Außerdem geht mir das mit Fritzi und Bastian viel zu schnell. Es dauert nicht einmal eine Woche, da fühlen sich die beiden derart verbunden und nah, obwohl sie kaum etwas voneinander wissen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die beiden auf irgendeine Weise wenigstens kennengelernt hätten – Gespräche über Hobbies, ihren Lieblingsfilmen oder sonstige zwanglosen Themen fernab ihrer „Krankheit“. So wirkt es ziemlich konstruiert und vorhersehbar.

Inhalt

Insgesamt passiert für mich in diesen Roman zu wenig. Oder anders ausgedrückt: Es passiert nicht das, was ich von dieser Geschichte erwartet habe. Man begleitet die Jugendlichen durch ihren – wenn man es so nennen kann – Alltag im Sonnenhof, man begleitet sie auf Ausflüge, Radtouren, Segeltörns. Man erlebt viel und doch irgendwie nichts. Oder zumindest nicht was, womit ich gerechnet habe. Ich vermisse die, wie ich zumindest dachte, für dieses Setting üblichen Therapiesitzungen oder sonstige für diese Einrichtung typischen Aktivitäten. Natürlich gehören auch die Ausflüge zur Therapie dazu, das betont Ole in diesem Roman auch öfter, aber dennoch hätte ich mir mehr therapienahe Situationen gewünscht, gerne auch Gruppensitzungen, wobei ich das bei vier unterschiedlichen Krankheitsbildern für schwierig umsetzbar halte. Aber irgendetwas in diese Richtung.

Solche Situationen sind ganz sporadisch über den gesamten Roman verteilt, beispielsweise als Bastian seinen Fragebogen am Ende des Romans ausfüllt. Aber sie sind wirklich sehr kurz und ergeben sich eher aus der Situation heraus. Ich hätte mir gewünscht, dass solche Szenen – ohne inhaltlich zu sehr in die Tiefe zu gehen – ihren festen Platz in der Geschichte haben, eben so wie sie sie auch im Alltag der Jugendlichen  haben.
Die Krankheiten der Jugendlichen sind der Grund, wieso sie an diesem Ort sind und wieso sich die Vier überhaupt kennenlernen. Aber sobald sie am Sonnenhof angekommen sind, rückt dieser Aspekt vollkommen in den Hintergrund und wird nahezu gegenstandslos. Diesen Eindruck habe ich zumindest. Natürlich wird man noch Kapitel für Kapitel mit den Krankheiten der Jugendlichen konfrontiert – manchmal sogar sehr heftig – aber insgesamt dreht sich der Roman für meine Verhältnisse zu wenig um Therapie als darum, dass sie Freundschaft schließen.

Das finde ich sehr schade, denn in dieser Idee steckt so viel Potential. Man hätte die unterschiedlichen Krankheitsbilder weiter herausarbeiten und romangerecht aufbereiten können. An einigen Stellen im Roman wird auf die verschiedenen Krankheitsbilder eingegangen, es wird kurz angerissen, was eine bipolare Störung ist, es werden Suizidversuch und Panikattacken genannt. Und hier steckt das Problem. Sie werden eben nur aufgezählt und leider nicht weiter thematisiert. Bis auf Sarahs „Vorfall“ wird man als Leser nicht wirklich damit konfrontiert, was diese psychischen Erkrankungen für die Jugendlichen bedeuten, man erfasst die Ernsthaftigkeit dahinter nicht. Auch, wenn dies ein Roman und kein Sach- oder gar wissenschaftlihes Buch ist, hätte man an dieser Stelle dennoch mehr auf die Krankheitsbilder und deren Symptome eingehen können. Gefühlt jeder zweite Absatz erwähnt, dass Fritzi Angst hat, eine Panikattacke zu bekommen, aber weiter ausgeführt wird es nicht wirklich. Was ist eine Panikattacke? Wie äußert sie sich?

All solche Fragen hätten für meine Verhältnisse ein wenig mehr in diesem Roman Erwähnung finden sollen. Natürlich ist das sehr trockene Materie, aber man hätte sie in beispielsweise durch Gespräche unter den Jugendlichen in den Roman einfließen lassen können. So hätte man eine romangerechte Aufbereitung dessen, die authentisch wirkt. Denn wer, wenn nicht die Betroffenen selbst – in diesem Fall die Jugendlichen – wissen besser Bescheid, was ihre Krankheit ist und wie sie sich äußert?

Wichtige Thematik

Trotz all dieser Kritik darf natürlich nicht vergessen werden, dass dieser Roman eine sehr wichtige Thematik behandelt. Solche Bücher brauchen wir und zwar gerade in Form von Jugendbüchern! Es freut mich zu sehen, dass Popescu diese Thematik in einem Jugendbuch auftauchen lässt. Da sie hier in Romanform vorliegt, greifen auch Jugendliche danach, die sich sonst womöglich nicht weiter mit psychischen Krankheiten auseinandergesetzt hätten. Und hier punktet Mein Sommer auf dem Mond entschieden. Denn es sensibilisiert und spricht eine Zielgruppe an, die Bücher in ihrer präferierten Form – dem Roman – lesen können und dennoch wichtigen Input für Heranwachsende bekommen. Das finde ich großartig gelöst!

Schlussbetrachtung

Insgesamt betrachtet ist Mein Sommer auf dem Mond ein Roman mit unglaublich viel Potential. Popescus grandioser Schreibstil, den ich schon aus vier ihrer Romane kenne, habe ich auch hier wiedergefunden. Das freute mich ganz besonders! An mehr als einer Stelle musste ich, gerade über den anfänglichen Schlagabtausch zwischen Fritzi und Bastian, schmunzeln. Einzig die unterschiedlichen psychischen Krankheitsbilder hätten meiner Meinung nach ein wenig mehr herausgearbeitet und in die Romanhandlung eingeflochten werden können. Auch die Therapie an sich hätte ein wenig mehr Raum in diesem Roman einnehmen können. So entsteht schnell der Eindruck, als therapiere man sich ausschließlich dadurch, dass man Freundschaft untereinander schließt.

Vielen Dank an cbt Jugendbücher und dem Bloggerportal für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares.