Mein Freund und ich teilen die Leidenschaft für Literatur und haben uns gemeinsam eine ordentliche kleine Bibliothek aufgebaut. In unserem Alltag tauschen wir uns regelmäßig über Literarisches aus. Er ist immer der Erste, der erfährt, was ich als nächstes auf dem Blog plane, ich hole mir immer wieder seine Meinung ein. Dabei ist er immer ehrlich und das schätze ich sehr. Seine konstruktive Kritik hat mir schon oftmals bei Entscheidungen geholfen. Nun dachten wir uns, dass es ein schöne Idee sei, unseren Austausch ein wenig ins Digitale zu verlagern.

Ab sofort wird Stefan also in unregelmäßiger Regelmäßigkeit Gastbeiträge auf LITERALLY SABRINA veröffentlichen. Eröffnen wird er dieses neue Format mit einem lesenswerten Beitrag über die Vielfalt der phantastischen Literatur. Lasst gerne Feedback da – wir freuen uns! 


Will man sich mit phantastischer Literatur auseinandersetzen, so muss man sich zunächst vergegenwärtigen, was dieser Begriff überhaupt bedeuten soll. Phantasie meint erst einmal diejenige Einbildungskraft, die uns erlaubt, Gegenstände ohne deren physische Anwesenheit und die Möglichkeit der Anschauung zu denken und zu verstehen. Somit ist sie allerdings ein generelles Vermögen, das jeder von uns benötigt, um Texte jedweder Gattung zu lesen. Was macht also die phantastische Literatur so phantastisch?

Die Grenzen des Phantastischen

Die Grenzen der Phantastik zu finden, ist bis heute ein kontrovers diskutiertes Unterfangen in den neuen Philologien. In der Regel wird hier zwischen einer engen und einer weiten Definition unterschieden, wobei eine weite Definition das Wunderbare mit einschließt, eine engere Definition dieses häufig ausschließt. Allem Phantastischen ist die Aufhebung der Naturgesetze gemein. Dem Wunderbaren, wie wir es beispielsweise im Volksmärchen finden, ist jedoch eigen, dass diese Aufhebung selbstverständlich passiert, dass das Wunderbare harmonisch neben dem Alltag existiert. Auch, wenn wir es nicht verstehen oder erklären können, es liegt zweifelsfrei vor.

Genau dieses Harmonische und jene Abwesenheit von Zweifel machen meiner Meinung nach das Phantastische jedoch gerade nicht aus. Zumal die Selbstverständlichkeit der Verständnislosigkeit für den Leser weniger spannend ist. Für mich macht gerade der Konflikt zwischen Übernatürlichem und alltäglicher Realität den Reiz an der Phantastik aus. Das Übernatürliche muss befremdlich wirken, verworren, bedrohlich, unerträglich, es schleicht sich unbemerkt in den Alltag ein, um diesen zu zerbrechen. Die Bedrohlichkeit wird vor allem dadurch erzeugt, dass die Sicherheit, rational zwischen Möglichem und Unmöglichem zu unterscheiden, mehr und mehr verblasst. Die Gesetze, welche meinem Alltag Stabilität, Ordnung und Behaglichkeit verleihen, werden aufgehoben. Hinzu kommt, dass das eindringende Übernatürliche den Verstand und die Wahrnehmung der Protagonisten vergiften kann. So ist der Leser häufig unschlüssig darüber, ob das Übernatürliche überhaupt existiert oder vielmehr einer Täuschung oder dem Wahnsinn des Protagonisten entspringt. Ein guter phantastischer Text weiß darum, explizite Darstellungen zu vermeiden, das Wichtigste unausgesprochen zu lassen, sodass das Phantastische erst im Kopf des Lesers entsteht. Dieser interpretiert Hinweise und setzt implizit gegebene Informationen zusammen, um das große Ganze zu erkennen, ohne dass es jemals direkt benannt wird.

Alles in allem scheine ich also eher eine enge Definition des Phantastischen zu bedienen, wobei die Grenzen häufig verschwimmen. So würde ich beispielsweise dem Schimmelreiter von Theodor Storm oder dem Freischütz von August Apel phantastische Elemente zusprechen, obwohl beide auf volkstümlichen Sagen beruhen. Das hat vor allem damit zu tun, dass Sagen und Märchen sich wesentlich in ihrem Realitätsanspruch unterscheiden. Da Märchen gänzlich fiktiv sind, entsteht schnell die angesprochene Harmonie des Natürlichen und Übernatürlichen, während in Sagen in der Regel auf einen wahren, historischen Kern verwiesen wird und die Erzählung entsprechend realistisch gehalten ist. Daher ist der angesprochene Konflikt zwischen Übernatürlichem und Alltag hier möglich.

Ein Grund, weshalb ich breiteren Definitionen eher ablehnend gegenüberstehe, ist, dass diese häufig auch Genres wie Science-Fiction und die utopische Literatur einschließen. Sowohl Autoren utopischer Texte wie Morus, Campanella, Wells, Bacon oder Orwell als auch Autoren der Science-Fiction von Lem über Dick bis Asimov und Clarke sollte jedoch, meiner Meinung nach, ganz eigene Aufmerksamkeit gewidmet, eine gänzlich eigenständige Systematik unterstellt werden.

Die Vielfalt des Phantastischen

Im Folgenden möchte ich versuchen, ein Bewusstsein für die Vielfältigkeit der phantastischen Literatur zu schaffen. Ich freue mich, wenn dies den ein oder anderen dazu ermutigt, sich mit dieser Gattung der Literatur, die mir sehr am Herzen liegt, weiter auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund will ich häufig Autoren oder Werke anführen, welche als Orientierungspunkte für Interessierte dienen sollen. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei auf Schauer- und Horrorliteratur, da diese einfach den Kern meiner Kompetenz ausmacht.

Phantastische Elemente lassen sich in einer Reihe von unterschiedlichen Epochen, Gattungen, Sprach- und Kulturkreisen finden. Sie treten verstärkt in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs auf, so zum Beispiel als Aufbegehren gegen den trockenen Rationalismus der Aufklärung oder die Biederkeit des Bürgerlichen Realismus. Das Phantastische findet sich daher natürlich in der britischen gothic novel des 17. und 18. Jahrhunderts unter anderem bei H. Walpole (Castle of Ortranto), William Beckford (Vathek), Ann Raddcliffe (Mysteries of Udolpho) oder auch John Polidori (The Vampyre). Letztere Geschichte entstand im Zuge des berühmt gewordenen Schreibwettbewerbs am Genfer See zwischen Lord Byron, seinem Hausarzt Polidori, und der befreundeten Mary Shelley, welcher noch ein ganz anderes Werk von großer literarischer Wichtigkeit hervorbringen sollte.

Weiterhin finden wir Phantastisches in der deutschen Romantik bei Ludwig Tieck (Der blonde Eckbert) oder auch E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann) und natürlich in der weird fiction von H.P. Lovecraft und seiner Zeitgenossen Clark Ashton Smith, August Derleth oder Robert E. Howard. Auch das England des frühen 20. Jahrhunderts bietet eine Reihe von Autoren und Werken, von denen ich viele zu meinen Lieblingen zähle: So z.B. die Kurzgeschichten von Algernon Blackwood, Arthur Machen oder M.R. James, die Gespenstergeschichten von Edith Wharton und vor allem die Seegeschichten von William Hope Hodgson (The Boats of the „Glenn Carrig“). Auch im 20. und 21. Jahrhundert findet sich eine Fülle an phantastischen Geschichten, so z.B. von Antonia S. Byatt (Eine Lamie in den Cevennen) oder Benjamin Lebert (Mitternachtsweg).

Geographisch gesehen darf man auf keinen Fall den Magischen Realismus aus Lateinamerika vergessen (Jorge Luis Borges, Gabriel Garcia Marquez, Adolfo Bioy Casares oder auch Julio Cortazar), aber vor allem auch Frankreich steuert seinen Teil zur phantastischen Literatur bei (Prosper Mérimée, Jean-Marie Villiers de l’Isle-Adam, Guy de Maupassant). In Irland dürfen wir Bram Stoker (Dracula) und Joseph Sheridan Le Fanu (Schalken the Painter) nicht vergessen. Auch der russische Sprachraum sollte mit beispielsweise Nikolai Gogol, Stefan Grabinski oder Fjodor Sologub nicht unerwähnt bleiben, ebenso wie Edgar Allan Poe oder der Zyniker Ambrose Bierce in Nordamerika. Zu guter Letzt gehört auch Österreich mit Gustav Meyrink (Das grüne Gesicht) auf die Karte.

Dies soll erst einmal nur eine kleine Auswahl zur ersten Orientierung sein. Wer interessiert ist und sucht, wird schnell eine Fülle an weiterer Literatur finden.

Die Motive des Phantastischen

Die Phantastik bietet eine Reihe prominenter Motive und Themen auf, von denen euch einige bestimmt schon begegnet sind. Eines der geläufigsten ist sicherlich dasjenige des überambitionierten Wissenschaftlers, der aus einem ungesunden, bald fanatischen Eifer und überschäumender Hybris heraus die Grenzen des Natürlichen und Möglichen überschreitet und in Gefilde vordringt, die lieber unerforscht hätten bleiben sollen. Eine solche Figur finden wir beispielsweise in Dr. Jekyll aus Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Robert Louis Stevenson) oder auch Dr. Victor Frankenstein aus Frankenstein or The Modern Prometheus (Mary Shelley). Gerade letztgenanntes Werk verbindet das Motiv des überambitionierten Wissenschaftlers mit einem weiteren Thema: Die Erschaffung eines künstlichen Menschen.  Ein weiteres hierfür beispielhaftes Werk ist Alraune von Hanns Heinz Ewers, in welchem die promiskuitive, ränkeschmiedende Alraune aus dem Ejakulat eines Lustmörders, entnommen während dessen Hinrichtung, entsteht, mittels welchem eine junge, trunkene Prostituierte geschwängert wird. Auch die künstliche Wiederauferstehung der Toten ist häufig das auserkorene Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, so z.B. von Herbert West in Herbert West – Reanimator (H. P. Lovecraft). Dass nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler mit einem solchen Übereifer ausgestattet sein können, zeigt uns Lovecraft in seiner Kurzgeschichte Pickman’s Model. Dort treffen wir auf einen Protagonisten, welcher von den morbiden und makaberen aber gleichsam ungeahnt realen Motiven des Künstlers Pickman in den Bann gezogen wird, bis er diesen eines Abends in dessen Atelier begleitet und erfährt, wie die Bilder tatsächlich entstehen. Die Belebung eigentlich unbelebter Materie finden wir in der phantastischen Literatur aber auch gänzlich ohne das Zutun des Wissenschaftlers. So zum Beispiel in Form der an Eichendorff erinnernden Statuenbelebung, wie wir sie beispielsweise in Die Venus von Ille von Prosper Mérimée finden.

In den Figuren Dr. Jekyll und Mr. Hyde können wir zudem ein weiteres, prominentes Motiv der Phantastik erkennen: Das Doppelgänger-Motiv. Zu finden ist es darüber hinaus auch in Markheim von Stevenson, in Der Golem von Gustav Meyrink und auch in The Picture of Dorian Gray von Oscar Wilde. Natürlich kann die Anwesenheit des vermeintlich Anderen auch Ausdruck der psychischen Zerrüttung des Protagonisten sein, wie beispielsweise in Der Horla von Maupassant.

Phantastische Werke bauen weiterhin häufig auf die Anziehungskraft exotischer Orte und bedienen sich der Figuren und Kreaturen des dortigen Mythenschatzes. Ob uns nun Henry S. Whitehead in die Gefilde karibischen Voodoos entführt, uns Rudyard Kipling auf einer Rikscha durch Indien fährt oder wir Robert E. Howard durch die arabische Wüste auf der Suche nach dem Feuer von Asshurbanipal begleiten, immer vermag die Mystik des Schauplatzes es, uns sofort jene dichte Atmosphäre zu vermitteln, auf welche die phantastische Geschichte so sehr angewiesen ist. Zudem bietet der dortige Volksglaube eine Reihe von Kreaturen und Gestalten, welche sich wundervoll in spannenden Geschichten umsetzen lassen. In The Wendigo von Blackwood werden wir mit dem gleichnamigen Monster aus der nordamerikanischen Indianerkultur konfrontiert, in Die Familie des Wurdalak von Tolstoi lernen wir den Wurdalak kennen, ein vampirisches Wesen aus der slawischen Mythologie.

Die genannten sind nur einige der vielen Themen und Motive, die die phantastische Literatur prägen. Wer sich ein wenig mit ihr auseinandersetzt, wird sicherlich schnell auf weitere Themen stoßen, wie beispielsweise die transzendentale Traumreise oder das okkulte Geheimwissen.

Abschließende Worte

Was macht also nun die phantastische Literatur so phantastisch und vor allem lesenswert? Zunächst entsteht das Phantastische durch den Konflikt zwischen der alltäglichen Realität des Protagonisten und dem schleichenden Einzug des Übernatürlichen in diese. Die Aufhebung der bisher stets universell scheinenden Naturgesetze kann sowohl Bedenken als auch Faszination im Protagonisten auslösen, endet dann jedoch meist in Furcht, Grauen oder sogar Wahnsinn. Dem Autor phantastischer Texte wird dabei viel abverlangt. Durch treffende und ausführliche Beschreibungen von Orten, Personen und Gegebenheiten muss er langsam eine sich mehr und mehr zuspitzende Atmosphäre der Bedrohlichkeit aufbauen, ohne dabei zu viel zu zeigen. Denn das eigentlich Grauenhafte oder Unvorstellbare ist häufig das Ungesagte, das Implizite, das Angedeutete, die letzte unausgesprochene Konsequenz, welche der Leser sich selbst zusammensetzen muss. Gestützt wird der Autor dabei durch eine Reihe von Motiven, von welchen einige hier vorgestellt worden sind. Diese bieten ihm in gewisser Weise einen Bauplan, nach welcher er seine Erzählung ausrichten kann. Nichtsdestotrotz ist es ein schwieriges Unterfangen. Der Autor weiß mehr, als der Leser jemals wissen wird, trotzdem muss er ihm durch die Beobachtungen des Protagonisten und dessen psychische und emotionale Reaktion auf diese so viel Einblick an die Hand geben, dass beständig Spannung evoziert wird.

Ich denke, dass gerade die bald aufkommenden Herbsttage mit ihren stimmungsvollen Wetterwechseln und in Grautönen gehaltenen Himmeln einen idealen Hintergrund bilden, um sich die ein oder andere phantastische Geschichte zu Gemüte zu führen. Ich kann daher nur empfehlen, sich eine der vielen Geschichtensammlungen zur Hand zu nehmen und sich darin zu verlieren, um in entlegenen Karpatenschlössern nächtliche Geräusche zu hören oder tief im mit Spinnenweben verhangenen Keller eines alten, verfallenen Hauses im Londoner East End verbotene Folianten zu finden.