Wie im vorherigen Beitrag angekündigt, gibt es heute wieder einen Gastbeitrag. Diesmal handelt es sich dabei um ein Film-Review. Darin setzt sich Stefan mit dem Independent-Film Night on Earth von Jim Jarmusch auseinander und schildert seine Eindrücke. Gemeinsam mit meinem Resümee über 3 Monate Netflix legt dieser Beitrag den Grundstein für den neuen Schwerpunkt des Blogs, der sich auf Filme und Serien fokussiert. In den nächsten Wochen und Monaten werden Stefan und ich weitere Beiträge zum Thema Filme und Serien veröffentlichen. Seid also gespannt.

Night on Earth – Jim Jarmusch

Denkt man an den amerikanischen Independent-Film kommt neben John Cassavetes schnell Jim Jarmusch in den Sinn. Will man herausfinden, inwiefern sich Jarmusch vom klassischen Hollywood-Kino abhebt und welche Merkmale seine Filme auszeichnen, ist Night on Earth neben Stranger Than Paradise sicherlich ein ergiebiger Ausgangspunkt, da hier viele jener Merkmale gut zum Ausdruck kommen: Interessante, häufig eigentümliche Charaktere, langsame und langgezogene Shots, die dem Zuschauer erlauben, jene Charaktere und die Welt, in die sie gesetzt werden, kennenzulernen, wie auch den Charakteren selbst erlauben, sich zu begegnen, zudem noch großartige, wohl ausgewählte Musik, einen Fokus auf die Schönheit der banaleren Momente des Lebens und auch eine gewisse Vorliebe für Fahrtsequenzen.

Night on Earth (1992) ist wie sein Vorgänger Mystery Train (1989) ein Episodenfilm. Die Prämisse ist relativ simpel: In 5 Episoden aus einer Nacht setzt Jarmusch seine Protagonisten in jeweils ein Taxi in einer Großstadt – Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki – und beobachtet, wie sie mit dem Taxifahrer interagieren und Bekanntschaft schließen. Das kann mal vollkommen albern und komisch, ein anderes Mal düster, melancholisch und traurig ausfallen. Die fünf Episoden vermögen es bestens, die eigentümliche, länderspezifische, kulturelle Aura der jeweiligen Schauplätze darzustellen und zu vermitteln. Dies wird vor allem dadurch gestützt, dass die einzelnen Episoden in ihren jeweiligen Landessprachen gedreht und nicht synchronisiert, lediglich untertitelt, wurden. Die einzelnen Episoden spielen zudem auf verschiedene Regisseure an, die Jarmusch sehr schätzt: So ist die Helsinki-Episode beispielsweise als Hommage an das Finnland der Brüder Mika und Aki Kaurismäki zu verstehen.

Jede Episode stellt eine Momentaufnahme dar, in der wir das reale, wahre Leben beobachten können. Jarmusch selbst äußerte, dass die Situation im Taxi für ihn aus zwei Gründen sehr interessant sei: Zum einen ist es eine kurzzeitige intime Situation zwischen zwei Fremden, allein in der Enge des Raums des Taxis. Die Situation ist zeitlich begrenzt, sie hat keine Vergangenheit, keine Zukunft, man hat in die Beziehung zuvor nichts investiert und man sieht sich nach Ende der Fahrt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wieder. Man hat die Freiheit alles zu sagen, was man will, komplett ehrlich oder unehrlich zu sein, über sich, sein Leben und seine Erlebnisse. Weiterhin ist die Taxifahrt für Jarmusch ein unbedeutsamer Moment, der sein Ziel in einem bedeutsamen Moment hat: Die Ankunft an einem bestimmten, für den Fahrgast relevanten Ort. Gerade jedoch diese Unbedeutsamkeit der Fahrt dorthin ist es, was die Situation für Jarmusch so interessant macht.

Die Figuren, die in Night on Earth aufeinander treffen, könnten unterschiedlicher nicht sein: In New York trifft der Afroamerikaner Yoyo (Giancarlo Esposito, den wir unter anderem aus den Spike Lee Filmen Do The Right Thing, Mo‘ Better Blues und Malcolm X kennen) auf den Taxifahrer Helmut Grokenberger (verkörpert von Armin Mueller-Stahl), der ihn nach Brooklyn fahren soll. Helmut ist erst kürzlich aus Ostdeutschland nach Amerika eingewandert, spricht kaum Englisch, ist ehemaliger Clown und kommt mit dem Automatikgetriebe seines Taxis kaum zurecht. Aus diesem Grund entscheidet Yoyo nach kurzer Fahrt, mit Helmut die Plätze zu tauschen und sich selbst nach Hause zu fahren. Die beiden verstehen sich prächtig und machen sich jeweils über die Namen des anderen lustig: Yoyo sei ein Kinderspielzeug und Helmut (amerikanisch ausgesprochen wie Helmet) ein Gebrauchsgegenstand, man würde sein Kind ja auch nicht Lampenschirm nennen. Schließlich entdeckt Yoyo auf halber Fahrt seine Schwägerin Angela am Straßenrand. Sie möchte ausgehen, er jedoch möchte nicht, dass sie nachts allein durch Brooklyn läuft. Also zerrt er sie in den Wagen. Zwischen den beiden entbrennt ein hitziger Streit, den Helmut neugierig verfolgt. Die Situation ist einfach urkomisch, lässt aber gleichzeitig einen irgendwie typischen Brooklyn-New York-Vibe aufkommen.

Insgesamt ist der Film großartig besetzt. Neben den genannten Darstellern finden wir in Los Angeles beispielsweise die junge Winona Ryder, die gerade mit Edward Scissorhands ihren Durchbruch geschafft hat, als kettenrauchende, kaugummikauende Taxifahrerin Corky. In Paris spielt Béatrice Dalle eine blinde Frau, die auf die frechen Fragen des Taxifahrers (Isaach de Bankolé) gekonnt zu antworten weiß. In Rom treffen wir auf Roberto Benigni (den wir schon aus Jarmuschs Down By Law kennen) als lebensfrohen, dauerquasselnden Taxifahrer Gino, der einem katholischen Padre sexuelle Eskapaden mit Kürbissen, Schafen und seiner eigenen Schwägerin beichtet.

Auch die Musik, die in Filmen von Jarmusch, der selbst Musiker ist, immer eine besondere Rolle spielt, ist großartig. Sie stammt vom befreundeten Tom Waits, der bereits in Down By Law eine Hauptrolle für Jarmusch besetzt und auch in der Somewhere In California-Episode von Coffee and Cigarettes zusammen mit Iggy Pop zu sehen ist. Insgesamt beweist Jarmusch in seinen Filmen immer ein gutes Händchen für Musik, nicht nur in der Zusammenarbeit mit Legenden wie eben Tom Waits oder auch Neil Young, sondern auch bei experimentellerer Musik wie beispielsweise von Boris oder der Drone Doom-Kapelle Sunn O))).

Ich kann den Film jedem empfehlen, der einen Eindruck von Jarmuschs Arbeit bekommen oder dem Independent-Film insgesamt näherkommen möchte. Am besten schaut man den Film in einer dieser Nächte, in welchen man um 3 Uhr noch hellwach ist und eine Beschäftigung sucht. Er ist aber natürlich auch zu jeder anderen Tageszeit sehenswert. Insgesamt ist der Film eine Liebeserklärung an die Großstadt und auch eine Liebeserklärung an die Nacht. Er ist eine Liebeserklärung an die Großstadt bei Nacht.