Ich erinnere mich noch relativ gut daran, wie ich mit 14 Jahren zum ersten Mal Prinzessin Mononoke im Fernsehen gesehen habe. Der Film feierte seine deutsche TV-Erstausstrahlung am Weihnachtstag 2003 und gehört seitdem zu denjenigen Filmen, mit denen man jedes Weihnachten aufs Neue rechnen kann. Ich hatte damals allerdings nur die Wiederholung an einem der beiden Weihnachtsfeiertage anschauen können. Nichtsdestotrotz war ich zutiefst beeindruckt von der Liebe zum Detail, der phantastischen Welt, der Darstellung des Waldgottes und des Daidarabotchi, aber auch von der gezeigten Gewalt, die ich dieserart bisher nicht aus Zeichentrickfilmen kannte. Wie kreativ hier das zentrale Thema umgesetzt wurde, konnte ich damals allerdings nur partiell begreifen. Das änderte sich spätestens, als ich Jahre später zum ersten Mal Nausicaä aus dem Tal der Winde sah. Erst dieser Film ließ mich richtig verstehen, wie geschickt Hayao Miyazaki relevante Themen in seine Filme einbettet, ohne dass sie zu prominent und brachial in den Vordergrund drängen und dem Unterhaltungswert schaden.

Seitdem schätze und verehre ich die Filme des Studio Ghibli sehr. Daher habe ich mir vorgenommen, euch innerhalb dieser Beitragsreihe jeden der Filme näher zu bringen. Die Kurzfilme lasse ich dabei jedoch erstmal außen vor.

Den Anfang macht heute: Der Mohnblumenberg (2011)

Aber zunächst erstmal einige kurze grundlegende Ausführungen zu Studio Ghibli selbst.

Über das Studio Ghibli

Studio Ghibli ist ein japanisches Studio für Anime-Produktionen in Spielfilmlänge. Es hat seinen Sitz in Koganei in der Präfektur Tokio. Gegründet wurde das Studio 1985 von Hayao Miyazaki, Isao Takahata, Toshio Suzuki und Yasuyoshi Tokuma nach dem Erfolg von Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984), den Miyazaki auf Grundlage des von ihm gezeichneten, gleichnamigen Manga entwickelt hatte. Miyazaki und Takahata kannten sich bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit bei Toei Animation Mitte der 60er und verband seitdem eine enge Freundschaft (Takahata ist leider im April diesen Jahres an Lungenkrebs verstorben). Während ihrer gemeinsamen Arbeit im Studio Tokuma Shoten Mitte der 80er lernten sie dann Suzuki kennen. Der vierte im Bunde, Yasuyoshi Tokuma, ist, wie am Namen erkennbar, der Gründer von Tokuma Shoten. Er ermutigte Miyazaki zur Umsetzung seines Mangas und trug mit seiner Firma die Gründung und Finanzierung des Studio Ghibli. Streng genommen fällt Nausicaä eigentlich Tokuma Shoten zu, da der Film vor der Gründung von Ghibli entstand. Er wird aber eigentlich immer dem Portfolio von Ghibli selbst zugerechnet.

Dem breiten westlichen Publikum wurde Studio Ghibli erst durch Prinzessin Mononoke (1997) ein Begriff. Der Film erzeugte weltweit große Aufmerksamkeit und erhielt eine Reihe wichtiger internationaler Auszeichnungen, unter anderem auch den japanischen Academy Award als Bester Film. Der Film hielt zudem den japanischen Einspielrekord an den Theaterkassen, bis er 2001 von Chihiros Reise ins Zauberland übertrumpft wurde. Chihiro erhielt 2003 sogar den Oscar als bester animierter Spielfilm und gewann 2002 bei uns den Goldenen Bären. Zudem galt Chihiro bis 2016 als weltweit erfolgreichster Anime-Film, wurde dann jedoch von Your Name von Makoto Shinkai abgelöst.

Ghiblis Arbeit zeichnet sich durch die Beibehaltung traditioneller Animationstechniken aus, Computeranimation wird nur sehr begrenzt verwendet. Die Bilder strotzen vor Liebe zu Details, vor Leben und Schönheit, die Charaktere sind einzigartig, bunt, manche ein wenig schrullig und haben großen Wiedererkennungswert. Sie werden zumeist in große, phantastische Welten gesetzt, in die sie nicht immer bewusst eintreten, sondern häufig durch Umstände hineingeworfen werden. Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigen beispielsweise Wie der Wind sich hebt oder Der Mohnblumenberg, welche zu unterschiedlichen Zeiten im realen Japan angesetzt sind.

Wie auch immer das Setting, schaffen die Filme des Studio Ghibli es stets, wichtige Themen in ihre Abenteuer einfließen zu lassen. Nausicaä und Mononoke setzen sich beispielsweise mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur auseinander, mit dem Konflikt zwischen technischem Fortschritt und der Bewahrung der Natur. Das wandelnde Schloss hat einen pazifistischen Anstrich und behandelt die Auswirkungen des Krieges. Die letzten Glühwürmchen zeigt dies sogar in aller emotionaler Deutlichkeit. Der Mohnblumenberg, den ich euch heute näherbringen möchte, ist neben anderen Dingen vor allem auch eine coming-of-age Geschichte. Insgesamt finden wir in jedem Ghibli-Film große Mengen an Humanität, Toleranz und Aufgeschlossenheit.

Soviel erstmal zu Studio Ghibli selbst. Eine vollständige Liste der Filme findet ihr am Ende des Beitrags. Für manche mag noch interessant sein, dass Ghibli neben ihren Filmen weiterhin noch am ersten Ni no Kuni wie auch den beiden Jade Cocoon Spielen beteiligt waren.

Jetzt wollen wir uns aber dem eigentlichen Film zuwenden.

Der Mohnblumenberg

Der Mohnblumenberg lief im Juli 2011 in den japanischen Kinos an und stellt Gorō Miyazakis zweite Regiearbeit dar. Gorō ist, wie manche von euch sicher schon vermuten werden (oder wissen), der Sohn von Hayao Miyazaki. Dieser war, zusammen mit Keiko Niwa, für das Drehbuch verantwortlich. Der Film ist eine Adaption des Shōjo-Mangas Kokuriko-zaka Kara, welcher zwischen 1979 und 1980 im Magazin Nakayoshi erschien. Das Magazin ist vor allem dafür bekannt, in den 90er Jahren die bekannte Manga-Serie Sailor Moon veröffentlicht zu haben.

Die Story

Die Geschichte setzt im Yokohama des Jahres 1963 an, zur Mitte der Shōwa-Zeit, einer Ära des Umbruchs für die japanische Gesellschaft. Wir lernen die 16-jährige Umi kennen, welche zusammen mit ihren Geschwistern, ihrer Großmutter Hana und drei Untermietern in einem großzügigen alten Haus auf einem mit Mohnblumen gesäumten Hügel wohnt, welcher den Hafen von Yokohama überblickt. Umi übernimmt viele Tätigkeiten im Haushalt und versorgt ihre jüngeren Geschwister wie auch die drei Gäste. Ihre Mutter ist Ärztin und verbringt die meiste Zeit im Ausland, ihr Vater war Kapitän und kam im Korea-Krieg ums Leben. Letzterer brachte Umi das Flaggen-Alphabet bei. Auf sein Versprechen bauend, er würde stets nach Hause finden, wenn Umi jeden Tag die Signalflaggen für eine sichere Fahrt hissen würde, geht sie jeden Tag hinaus zum Fahnenmast des Hauses, um die Flaggen im Gedenken an ihren Vater aufzuziehen.

Eines Tages findet Umi plötzlich in der Schülerzeitung ihrer Schule ein Gedicht, welches auf sie und ihre Flaggen Bezug nimmt. In ihrer Suche nach dem Autor lernt Umi dann Shun kennen. Er ist ein Jahr über ihr und Mitglied im Literaturclub, welcher die Zeitung herausgibt. Der Club ist, wie viele andere Schülerclubs, im alten, in die Jahre gekommenen Clubhaus, dem Quartier Latin, beheimatet. Innerhalb der Schülerschaft ist eine hitzige Debatte um die Zukunft dieses Clubhauses im Gange: Während die eine Seite für den Abriss des alten und die Errichtung eines neuen, modernen Hauses ist, kämpft die andere Seite, zu welcher auch Shun und seine Freunde zählen, um den Erhalt des traditionsreichen Gebäudes. Umi, die Shun besser kennenlernen will, übernimmt für ihn einige im Literaturclub aufkommende Abschrift-Arbeiten. Als sich die beiden dann aber näher kommen, taucht plötzlich ein ungeahntes Problem aus der Vergangenheit auf…

Die Themen

Soviel zunächst zur Story selbst. Die großen Themen, die wir in der Geschichte finden, sind zum einen Umbruch und Wandel, aber eben auch Beständigkeit. Diese spiegeln sich deutlich im zeitlichen Setting selbst wieder. Anfang der 60er Jahre befindet sich Japan in einer Umbruchstimmung, welche gut im Film deutlich wird. Auf der einen Seite ist man daran, die Folgen des zweiten Weltkrieges zu spüren und zu verarbeiten, auf der anderen Seite blickt man hoffnungsvoll in eine neue, moderne Zukunft. Dessen Sinnbild ist die 1964 in Tokio stattfindende Sommerolympiade, auf die man eifrig hinarbeitet. Ähnlich verhält es sich auch mit der Debatte um die Zukunft des Clubhauses: Die eine Seite argumentiert, dass man mit dem Alten abschließen solle, um so Platz für das Neue, Moderne zu schaffen. Die andere Seite argumentiert, dass es ohne den Erhalt des Traditionellen gar keine Zukunft geben könne. Die Debatte innerhalb der Schülerschaft wie auch deren Selbstbestimmtheit ist auch insofern ein Sinnbild der damaligen Zeit, als dass wir in den 60er Jahren auf der ganzen Welt eine Vielzahl von Schüler- und Studentenbewegungen verzeichnen können. Aber auch auf Ebene der Charaktere selbst wird der angesprochene Konflikt zwischen Wandel und Beständigkeit deutlich: Während Umi durch ihr Flaggen-Hissen weiterhin an der Hoffnung festhält, ihr Vater werde doch noch nach Hause finden, legt Oma Hana große Hoffnungen in Umis Bekanntschaft mit Shun, von welcher sie hofft, dass sie Umi auf neue Gedanken bringt und mit der Vergangenheit abschließen lässt.

Der Eindruck

Wer von Der Mohnblumenberg ein großes, phantastisches Abenteuer mit schrillen, bunten Charakteren erwartet, wie von den Filmen von Papa Hayao gewohnt, der wird wohl enttäuscht werden, geht aber auch mit einer falschen Erwartungshaltung heran. Der Film fokussiert sich vor allem auf die Beziehungen der Charaktere zueinander und die getreue Wiedergabe des Settings und der Stimmung der damaligen Zeit. Die Qualität der Bilder ist, wie von Ghibli gewohnt, phänomenal, sie strotzen derart vor kleinen Details aus der damaligen Zeit, dass man sie beim ersten Schauen gar nicht alle aufnehmen kann. Besonders der Hafen und das Clubhaus sind voll davon. Wie viel Recherche in den Film eingeflossen ist, verdeutlicht das Bonusmaterial, welches auf der zweiten Disc zu finden ist. Im Interview mit Gorō erfahren wir, warum Yokohama ein so prägnanter Ort ist, um diese Geschichte zu erzählen und wie die Crew den Ort besuchte, alte Bilder und Material gesichtet hat, und wie vor allem die Gespräche mit alten Händlern und Ladenbesitzern geholfen haben, ein Bild des alten Yokohama zu entwerfen. Daher kann ich euch nur empfehlen, solltet ihr euch den Film zulegen wollen, euch die Double-Disc-Version des Films zu holen. Das trifft auch auf die anderen Ghibli-Filme zu.

Was den Film weiterhin noch auszeichnet, ist sein wundervoller Soundtrack. Dieser wurde größtenteils von Satoshi Takebe komponiert und passt großartig zu den einzelnen Momenten des Films. Ich kann nur empfehlen, mal hinein zu hören. Ihr könnt ihn ohne große Mühe auf Youtube finden oder einfach kaufen. Vor allem der Theme Song des Films, Sayonara No Natsu (Summer of Farewells), gesungen von Aoi Teshima, hat es mir angetan.

Insgesamt ist der Film eine deutliche Steigerung zu Gorō Miyazakis erster Regiearbeit, Die Chroniken von Erdsee (2006). Diese hatte sehr gemischte Reviews erhalten, mithin zurecht, wie ich im entsprechenden, noch kommenden Beitrag zu diesem Film zeigen werde. Neben der historischen Seite ist Der Mohnblumenberg vor allem eine coming-of-age Geschichte, eine in meinen Augen sehr gut und schön erzählte. Möglicherweise reicht der Film nicht ganz an die großen Chihiros, Mononokes und Totoros von Papa Hayao, allerdings sollte man nicht den Fehler machen, die Arbeit von Vater und Sohn direkt miteinander zu vergleichen. Hayao ist viele Jahre im Geschäft, Gorō dagegen weigerte sich eigentlich erst, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und verfolgte zunächst eine Karriere im Landschaftsbau. Grund hierfür ist sicherlich auch die nicht immer einfache Beziehung zu seinem Vater, der sehr häufig nicht viel Zeit für seinen Sohn hatte und in die Arbeit vertieft war. Man muss anerkennen, dass Gorō seinen eigenen Stil entwickelt, der in diesem Film sehr schön zum Ausdruck kommt.

Der Mohnblumenberg ist eine wirklich sehr schöne Geschichte, eine deutliche Steigerung für Gorō, die mich gespannt macht auf seinen nächsten Film. Dass es einen solchen geben wird, wurde ja bereits angekündigt.

Liste der Filme

Hier noch eine vollständige Liste aller Filme, die ich in dieser Reihe behandeln möchte. Sie soll in alle weiteren Beiträge aufgenommen und mit Verlinkungen versehen werden, sodass ihr stets sehen könnt, welche Filme bereits verhandelt wurden und auf welche ihr euch noch freuen könnt.

1984 – Nausicaä aus dem Tal der Winde | 1986 – Das Schloss im Himmel | 1988 – Mein Nachbar Totoro | 1988 – Die letzten Glühwürmchen | 1989 – Kikis kleiner Lieferservice | 1991 – Tränen der Erinnerung | 1992 – Porco Rosso | 1993 – Flüstern des Meeres | 1994 – Pom Poko | 1995 – Stimme des Herzens 1997 – Prinzessin Mononoke | 1999 – Meine Nachbarn die Yamadas | 2001 – Chihiros Reise ins Zauberland |  2002 – Das Königreich der Katzen |  2004 – Das Wandelnde Schloss |  2006 – Die Chroniken von Erdsee |  2008 – Ponyo – Das große Abenteuer am Meer | 2010 – Arrietty – Die wundersame Welt der Borger | 2011 – Der Mohnblumenberg   ✔ | 2013 – Wie der Wind sich hebt | 2014 – Erinnerungen an Marnie | 2016 – Die rote Schildkröte