Mit den stetig kälter und dunkler werdenden Tagen und dem unmittelbar bevorstehenden Halloween, beginnt eine Zeit des Jahres, in der wir uns mehr und mehr für Filme sensibilisieren, die ihren Ausgangspunkt in einer Atmosphäre der Anspannung und Furcht haben. Solche Filme, die uns beim Toilettengang danach lieber doch ein Licht mehr anmachen lassen und unsere Schritte beschleunigen, sobald wir einem dunklem Raum den Rücken zukehren. Daher will ich die Gelegenheit nutzen, euch 8 Filme vorzustellen, die meiner Meinung nach diesen Zweck voll und ganz erfüllen.

Doch vorab will ich euch kurz näherbringen, welche Art von Filmen mir in dieser Hinsicht am meisten zusagen, damit ihr einen gewissen Eindruck habt, was euch hier erwartet. Zunächst einmal bin ich kein Freund von Gore nur um des Gores Willen und schaue auch eher weniger Streifen, die dem Exploitationfilm und seinen vielen Subgenres zugeordnet werden können, auch wenn ich zugeben muss, dass dort viele interessante Ideen zu Hause sind. Einen Film wie Cannibal Holocaust werdet ihr hier also nicht finden. Nichtsdestotrotz kann man mich immer mit einem guten klassischen Slasherfilm wie Black Christmas (1974) oder dessen direkten Vorgängern, den italienischen Giallo-Filmen von z.B. Mario Bava oder Dario Argento, unterhalten. Was mir aber stets am liebsten ist, sind Filme, die durch ihr Setting, ihre Cinematography und ihren Einsatz von Musik eine Atmosphäre des Grauens, der stetigen Anspannung und der Ungemütlichkeit erzeugen, ohne dabei zu viel zeigen zu müssen. In der Regel sind das für mich klassische Gothic-Horror-Geschichten oder Haunted-House-Filme, von denen ich einfach nicht genug bekommen kann.

Damit das Ganze hier aber nicht zu einseitig wird, habe ich die Auswahl etwas ausgeweitet, die Genregrenzen geöffnet und präsentiere euch hier Filme, die generell mit einer düsteren und spannungsgeladenen Stimmung aufwarten und daher perfekt für den nächsten herbstlichen Filmabend geeignet sind. Weiterhin habe ich versucht, Filme auszuwählen, die nicht nur eine sehr kleine Nische bedienen. Sperrigere und verquere Kunstfilme wie z.B. Laurin von Robert Sigl oder Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani lasse ich daher außen vor.

Wenn euch dieser Beitrag gefällt, hätte ich noch viele weitere Filme in petto, die ich euch gerne vorstelle. Lasst also gerne Feedback in den Kommentaren da. Schauen wir uns nun aber erst einmal die heutigen Filme genauer an! Los geht’s!

Die Purpurnen Flüsse (2000)

Die Pariser Kriminalpolizei entsendet Kommissar Niémans (Jean Reno) in die in den französischen Alpen gelegene Universitätsstadt Guernon. Dort wurde die verstümmelte Leiche von Rémy Caillois gefunden, dem Bibliothekar der Universität. Gleichzeitig ermittelt Inspektor Kerkerian (Vincent Cassel) andernorts den Fall einer Grabschändung. Das Grab der 10-jährigen Judith Hérault wurde mit Hakenkreuzen beschmiert. Zudem wurden sämtliche Bilder und Akten von Judith, welche 1982 von einem LKW überfahren wurde, aus der örtlichen Grundschule entfernt. Die Mutter von Judith, welche den Unfall damals miterlebte, sitzt seitdem zurückgezogen in einem Nonnenkloster, wo sie ein Gelübde der Finsternis abgelegt hat und nur im Dunkeln zu sprechen ist. Während beide Ermittler zunächst eigenen Spuren nachgehen, wird mehr und mehr eine Verbindung zwischen beiden Fällen deutlich. Sie beginnen zusammenzuarbeiten und decken eine dunkle Machenschaft auf, die letztlich die gesamte Universität betreffen wird…

Die Purpurnen Flüsse ist ein dunkler und psychologischer Krimi-Thriller vom französischen Regisseur Mathieu Kassovitz (La Haine, Gothika, Babylon A.D.), welcher für mich durch vier Dinge besticht: Zunächst ist Jean Reno wie immer super charismatisch. Es gibt niemandem, dem ich die Rolle des abgebrühten, unkonventionellen Kommissars besser abnehme als ihm. Weiterhin stimmt das Pacing zu jeder Zeit: Die Geschichte nimmt mehr und mehr Fahrt auf, um sich dann in ein fulminantes Finale zu ergießen. Auch die Bilder sprechen für sich: Mit Wald bedeckte Hügelketten, steile Felswände, Gletscherspalten, schneebedeckte Gipfel, die Universitätsstadt und natürlich die Universität selbst mit ihrer stimmungsvollen Bibliothek. Und zuletzt die Story selbst: Verworren, düster und mehr und mehr ungeheuerlich, spannt sie sich von Hinweis zu Hinweis, den die beiden Ermittler finden. Ich kann den Film ausnahmslos jedem empfehlen, vor allem aber denjenigen, die all die französischen Thriller-Miniserien wie La Forêt, Le Chalet oder Glacé mögen, die Netflix in der letzten Zeit eingekauft hat. Der perfekte Film für einen dunklen und regnerischen Novemberabend!

Die Frau in Schwarz (2012)

London, Anfang des 20. Jahrhunderts. Der junge Anwalt Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) wird von seiner Kanzlei ins ländliche Küstendorf Crythin Gifford beordert, um dort den Verkauf von Eel Marsh House vorzubereiten, einem alten Herrenhaus, das abgelegen auf einem Hügel über den Marschen thront und nur bei Ebbe erreichbar ist. Dort soll er Dokumente der verstorbenen Besitzerin Alice Drablow sicherstellen. Kipps, der seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat, da seine Frau vier Jahre zuvor bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes gestorben ist, wird beim Eintreffen in den trüben Straßen von Crythin Gifford von den Dorfbewohnern mit deutlicher Abneigung empfangen. Einzig sein Kontakt, der wohlhabende Landbesitzer Samuel Daily, ist ihm freundlich gesinnt. Im Haus angekommen, beginnt Kipps die besagten Dokumente zu sichten, wird aber bald von Geräuschen und Erscheinungen heimgesucht. Je mehr er sich mit der Geschichte des Hauses auseinandersetzt, desto mehr offenbart sich ihm eine tragische Geschichte, dessen Auswirkungen bis heute nicht verebbt sind…

Was uns Regisseur James Watkins (Eden Lake) hier abliefert, ist eine klassische old-school Schauergeschichte, die vieles richtig macht. Watkins weiß, was es braucht, um Atmosphäre zu erzeugen: England um 1900, ein kleines ländliches Dorf in verregnet-trübem Wetter, die vernebelte Marschlandschaft sowie natürlich das alte Herrenhaus selbst, groß, bedrohlich, mit seinem verstaubten Interior und seinem verwilderten Garten. Ein kleines Problem des Films ist für mich, dass Watkins für meinen Geschmack auf zu viele Jump Scares setzt. Damit diese wirklich effektiv sein können, müssen sie selten und wohlüberlegt eingesetzt werden. Sehr positiv sind dagegen zwei Dinge: Zum einen bringt der Film sehr gut das Bestreben von Radcliffe zum Ausdruck, seine Vielfältigkeit unter Beweis zu stellen und vom Potter-Image abzukommen. Auch wenn einige das anders sehen, finde ich seine Leistung hier überzeugend. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass der Film von Hammer Films produziert wurde, einem mir sehr lieben, traditionsreichen Produktionsunternehmen, dass in den 60ern und 70ern eine Vielzahl toller Filme herausgebracht und die Karrieren von Sir Christopher Lee und Peter Cushing maßgeblich vorangetrieben hat, daher eine treue Fangemeinde besitzt. Ende der 70er ging das Unternehmen dann leider in Konkurs. 2007 wurde das Unternehmen dann vom Medientycoon John de Mol (Endemol) aufgekauft, der die Produktion neuer Filme ermöglicht hat – Die Frau in Schwarz ist einer davon. Ich kann den Film jedem Freund klassischer Haunted-House-Filme empfehlen, und natürlich all denjenigen, die sich überzeugen wollen, dass Daniel Radcliffe auch außerhalb von Hogwarts abliefern kann.

Absentia (2011)

Patricias Mann Daniel ist seit nunmehr sieben Jahren verschwunden. Nun ist sie endlich bereit, dies zu akzeptieren, ihn für tot erklären zu lassen und von ihrer ehemals gemeinsamen Wohnung Abschied zu nehmen. Unterstützt wird Patricia von ihrer Schwester Callie, die kurzzeitig bei ihr einzieht. In der Nacht vor dem Tag, da sie Daniels Sterbeurkunde unterschreiben soll, wird so von grauenhaften Alpträumen heimgesucht. Währenddessen entdeckt Callie während ihrer Joggingrunden einen geheimnisvollen Fußgängertunnel nahe der Wohnung von Patricia, in dem sie einen ausgemergelten, gezeichneten Mann vorfindet, der vollkommen überrascht darüber scheint, dass Callie ihn sehen kann. Er stellt sich als Walter Lambert vor und bettelt, sie solle seinem Sohn Bescheid geben. Callie hält ihn für einen Landstreicher und lässt ihn sitzen, kommt kurze Zeit später jedoch mit ein wenig Essbarem zurück, findet den Tunnel jedoch leer vor. Am nächsten Tag findet sie einige Metallobjekte, Uhren, Schlüssel und Knöpfe vor der Haustür, von denen sie glaubt, dass sie von Walter stammen. Sie legt sie vor dem Eingang zum Tunnel ab, wird darauf aber von einem Mann angesprochen, der ihr rät, diese Dinge dort nicht abzulegen, selbst aber eine seltsame Mülltüte dort deponiert. Als Callie Nachforschungen anstellt, stellt sie fest, dass der Ort mit einigen weiteren Vermisstenfällen in Verbindung steht. Dies wirft ein ganz neues Licht auf Daniels Verschwinden, das plötzlich kein natürliches mehr scheint…

Regisseur Mike Flanagan (The Haunting of Hill House, Oculus) liefert mit Absentia ein beeindruckendes kickstarter-finanziertes Regiedebut ab. Flanagan arbeitete hier mit einem sehr geringen Budget, setzt sein Vorhaben jedoch absolut wirkungsvoll um. Ein häufiges Attribut, dass dem Film in Reviews zugeschrieben wird, ist „truly lovecraftian“. Und auch wenn es aus meiner Beschreibung oben nicht ganz hervorgeht, da ich hier nichts spoilern möchte, ist der Film genau das. Er schafft es, uns wahrhaftig Angst einzujagen, das Grauen jedoch stets nur anzudeuten, uns im Dunklen zu lassen aber gleichzeitig genug Informationen zu geben, um unserer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen. Gestützt wird das Ganze durch den spärlichen Einsatz der sowieso schon minimalistischen Musik, die irgendwo im Drone-Bereich anzusiedeln ist. So entstehen einige Szenen, die fast gänzlich ohne jeden Sound und jedes Geräusch daherkommen und hierdurch ihre ganz eigene Spannung aufbauen. Möglicherweise ist der Film durch seinen Low-Budget Charakter nicht für jeden. Es ist keine Hochglanzproduktion, die Synchronisation ist eher bodenständig. Letztendlich schafft Flanagan es aber, durch seine Bilder und den gekonnten Einsatz von Musik, einen wirklich interessanten Film zu bieten, den man irgendwie als Urban-Horror mit einer Prise Lovecraft bezeichnen könnte. Wer diesen Ansatz interessant findet und sehen will, wie der Regisseur der kürzlich auf Netflix angelaufenen Serie Haunting of Hill House einmal angefangen hat, dem kann ich den Film nur ans Herz legen.

Picknick am Valentinstag (1975)

Am Valentinstag im Jahr 1900 unternimmt das private Mädcheninternat Appleyard College einen Ausflug zum in der Nähe gelegenen Hanging Rock, einer markanten Felsformation in Victoria, Australien, um an dessen Fuß ein Picknick zu unternehmen. Die Mädchen werden von der Schulleiterin Mrs. Appleyard über die Gefahren des Ortes in Form von Schlangen und Insekten unterwiesen und ihnen wird verboten, selbst die niedrigen Felsvorhänge zu erklimmen. Nachdem die Mädchen dort angekommen sind, ihr Mittagessen eingenommen haben, erbeten Miranda, Marion und Irma, den Fels ein wenig erklimmen zu dürfen. Auf ihr Versprechen hin, bis zum Tee zurück zu sein, gewährt die hübsche Mademoiselle de Poitiers ihnen trotz Verbot den Ausflug. Der Außenseiterin Edith wird erlaubt, sie zu begleiten. Oben auf der Formation angekommen, legen sich die vier Mädchen von der Sonne ermattet nieder. Als die vier erwachen, bewegen sich Miranda, Marion und Irma fast wie in Trance auf einen Spalt in der Felswand zu und verschwinden, was Edith entsetzt beobachtet und schreiend den Berg hinabrennt. Die Mädchen werden als vermisst gemeldet, ebenso wie Miss McCraw, die Mathematiklehrerin, die den Ausflug begleitet und den Mädchen nach deren längerer Abwesenheit hinterhergeht. Eine umfangreiche Suche entbrennt, deren Ergebnis Auswirkungen auf das gesamte Internat haben wird…

Der australische Regisseur Peter Weir (Club der toten Dichter, Truman Show) bietet uns hier einen bedeutungsvollen Mystery-Film, der nicht nur das australische Kino auf die internationale Landkarte gesetzt, sondern zusammen mit der Romanvorlage von Joan Lindsay für einen starken Zuwachs an Touristen gesorgt hat, die den tatsächlich existierenden Hanging Rock besuchen, um dem Mysterium auf die Spur zu kommen. Der Film wirkt ätherisch, irgendwie dunstig, fast traumartig, und die dissonante Musik während des Aufstiegs vermag es wahrhaft, eine unheimliche und bedrohliche Stimmung aufkommen zu lassen. In gewissen Szenen, welche auf Miranda fokussieren, wechselt sie zu den gleichsam gespenstischen wie schönen Panflötenklängen von Gheorghe Zamfir, was dem Film noch eine weitere Spur Seltsamkeit und Eindrücklichkeit verleiht. Der Film gilt als Meilenstein des australischen Kinos und genießt bis heute eine große Fangemeinde, aus welcher eine Vielfalt an verschiedenen Interpretationsansätzen hervorgegangen ist. Themen wie unterdrückte Sexualität und das Aufeinandertreffen der alten, mythenreichen Natur Australiens auf die dieser Natur fremden europäischen Siedler werden sehr häufig genannt. Befeuert werden die Interpretationen häufig durch kleine, seltsame Details, die dem Film seine mysteriöse Aura verleihen. Für diejenigen, die sich darauf einlassen, verebbt die Wirkung des Films auch lange nach dem Schauen noch nicht. Ich kann daher jedem von euch nur empfehlen, euch einmal an ihm zu versuchen.

The Lodgers (2017)

1920, ländliches Irland: Die Zwillingsgeschwister Rachel und Edward leben zurückgezogen in ihrem großzügigen, sich jedoch in stetigen Verfall befindlichen Familienanwesen. Dieses wird von einem alten Familienfluch heimgesucht: Allabendlich macht sich eine bedrohliche (und wässrige) Präsenz im Gebäude breit, dessen Ursprung die Lucke im Boden der großen Eingangshalle zu sein scheint. Für eine harmonische Koexistenz trägt sie den Geschwistern drei einfache Regeln in Kinderreim-Form auf: Um Mitternacht im Bett zu sein, niemals Fremden den Zutritt ins Haus zu gewähren und einander nicht allein zu lassen. Während sich Edward diesen Regeln unterwirft, möchte Rachel der Gefangenschaft ihrer Existenz entkommen. Als dann der vom Krieg gezeichnete Sean Rachel im nahegelegen Dorf während des Einkaufes erblickt und ihr folgt, beginnen sich die Dinge zuzuspitzen…

Was wir hier haben, ist eine klassische gothic-horror Geschichte, die vor allem durch ihre Atmosphäre besticht. Diese wird durch die wirklich wunderschönen Bilder des ländlichen Irlands wie auch die Kamerafahrten durch das Haus erzeugt. Der Wald, die alten Ruinen, das Tor zum Grundstück des Anwesens, das kleine irische Dorf und vor allem, wie gesagt, das Haus selbst. Gedreht wurde in Loftus Hall in Wexford, einem der bekanntesten Spukhäuser in Irland. Der Film kommt vorsichtig daher, langsam. Er ist zart, das muss man mögen. Neben den Gothic-Elementen steht vor allem die Familiengeschichte, die Epoche und die Romanze im Vordergrund. Das Setting und die Story lassen einen immer wieder an Der Untergang des Hauses Usher von Poe denken, oder auch an We have always lived in the castle von Shirley Jackson. Der Kinderreim erinnert an das O Willow Waly Lied aus The Innocents. Das Ende des Films ist für mich ein bisschen cheesy, die deutsche Synkro ist relativ einfach, das tut dem Film und der Atmosphäre jedoch keinen Abbruch. Wer The Awakening mag, gerne Poe liest und auf wirklich stimmungsvolle, unheimliche Ästhetik steht, dem kann ich den Film ans Herz legen.

Session 9 (2001)

Gordon (Peter Mullan) ist Inhaber einer kleinen Firma mit Fokus auf Asbestbeseitigung. Aus dringlicher finanzieller Not heraus unterbreitet er das Angebot, das Denvers State Hospital, eine vor 15 Jahren geschlossene psychiatrische Anstalt, innerhalb einer Woche von Asbest zu befreien und bekommt aufgrund dieser knappen Frist den Auftrag. Also machen sich Gordon und sein Team, bestehend aus Mike (Stephen Gevedon), Phil (David Caruso), Hank (Josh Lucas) und Jeff (Brendan Sexton III), Gordons Neffe, an die Arbeit. Alle haben sie ihr eigenes Paket zu tragen. So hat Gordon beispielsweise Probleme mit seiner Frau oder Jeff panische Angst vor der Dunkelheit (Achluophobie). Mike, der auffallend viel über die Geschichte der Anstalt weiß, findet bei Aufräumarbeiten eine Kiste von 9 Aufnahmebändern, welche die Sitzungen eines Arztes der Anstalt und seiner Patientin Mary Hobbes beinhalten. Von da an verbringt Mike seine Zeit vornehmlich mit dem Hören der Bänder. Mary, welche unter einer Dissoziativen Identitätsstörung (multiple Persönlichkeit) leidet, wird nach einem Ereignis befragt, dass vor damals 22 Jahren am Weihnachtstag zwischen ihr und ihrem Bruder Peter vorgefallen ist. Sie reagiert abwechselnd mit zwei kindlichen Persönlichkeiten – „Prinzessin“ und „Billy“ – auf die Fragen. Zudem fragt der Arzt immer wieder nach „Simon“, der eine dritte Persönlichkeit zu sein scheint. Während Mike weiter die Bänder hört, werden die anderen in Vorfälle verwickelt, die zu Spannungen in der Gruppe führen. Wer und was steht hinter den Vorfällen? Wer ist „Simon“? Und was passiert in Sitzung 9?

Soviel zur Story selbst, ohne euch zu viel zu nehmen. Der psychologische Horrorfilm von Regisseur Brad Anderson (The Machinist) hat mittlerweile eine kleine Kult-Fangemeinde hinter sich und zählt als Hidden Gem. Und das zurecht! Obwohl nur mit geringem Budget ausgestattet, weiß der Film durch langsame Kamerafahrten durch die verwinkelten Flure und Shots in den kargen Räumen der Anstalt gekonnt, Atmosphäre aufzubauen. Hinzu kommen die Tonbandaufnahmen, denen wir immer wieder lauschen dürfen und die ihren Teil zur Stimmung beitragen. Auch die Charaktere sind interessant, jeder auf seine Art. Und das, obwohl David Caruso, der Phil spielt und den wir als Horatio Caine aus CSI: Miami kennen, bekannterweise keine große Auswahl an unterschiedlichen Gesichtsausdrücken mitbringt. Was Session 9 jedoch am meisten ausmacht, ist sein Blick in die Abgründe des menschlichen Verstandes, seine prägnante Darstellung psychischer Zerrüttung und Geisteskrankheit, die uns bald unsicher darüber werden lässt, was tatsächlich passiert und was nicht. Wer diese Prämisse interessant findet, dem kann ich den Film uneingeschränkt empfehlen.

The Wicker Man (1973)

Der streng gläubige Police Sergeant Neil Howie reist auf die entlegene Insel Summerisle vor der Küste Schottlands, um dort Nachforschungen im Fall eines verschwundenen jungen Mädchens, Rowan Morrison, zu machen. Nachricht über ihr Verschwinden erhielt Howie zuvor über einen anonymen Brief. Die mysteriöse Dorfgemeinschaft begegnet ihm skeptisch und hält sich über den Verbleib des Mädchens bedeckt. Viele wollen noch nie von dem Kind gehört haben, darunter selbst die vermeintliche Mutter, Mrs. Morrison. Noch seltsamer erscheint Howie, dass die Bewohner der Insel sich einem heidnischen Fruchtbarkeitskult hingeben und sich mithin sehr offen und frei zeigen, gerade in sexueller Hinsicht. So bemerkt er beispielsweise des Nachts eine fröhliche Orgie auf dem Rasen des örtlichen Gasthauses. Und auch der Besitzer der Insel, Lord Summerisle (Sir Christopher Lee), erscheint ihm sonderbar. Je weiter Howie seine Ermittlungen führt, desto deutlicher zeichnet sich die tödliche Verschwörung ab, in die die Gemeinschaft verwickelt ist…

The Wicker Man ist ein Kult-Klassiker des Horrorfilms, auch wenn er gar nicht wirklich als solcher daherkommt. Er ist nicht geradeheraus schaurig, aber er erzeugt eine sehr bizarre und unbehagliche Atmosphäre. Diese ergibt sich vor allem aus dem Aufprall zwischen den streng christlichen Werten von Sergeant Howie und der freizügigen Kultur der Inselbewohner. Zusammen mit der Musik und den Songs – der Film lässt sich teilweise als Musical beschreiben – entsteht so eine beengende Stimmung, die nicht nur Howie, sondern auch den Zuschauer sich als in die Ecke gedrängten Gefangenen der Insel fühlen lässt. Verstärkt wird dies auch noch durch die brillante Schauspielleistung von Sir Christopher Lee, der die Rolle des Lord Summerisle auch in späten Jahren noch als beste und faszinierendste Rolle bezeichnet, die er je gespielt habe. Und das bedeutet einiges, wenn es von jemandem kommt, der derart viele ikonische Charaktere verkörpert hat (Dracula, Saruman, Count Dooku). Lee war derart überzeugt von der Idee des Filmes, welche er zusammen mit Peter Snell (Produktionsfirma British Lion) und Autor Anthony Shaffer aus dem Roman Ritual von David Pinner entwickelte, dass er im Angesicht der finanziellen Schwierigkeiten und des knappen Budgets sogar bereit war, komplett auf seine Gage zu verzichten. Regisseur Robin Hardy sagt über den Film, dass er eine tiefsitzende Völkererinnerung wecke, voller Echos aus unserer Vergangenheit, die vor allem die grundlegenden Dinge des täglichen Lebens betreffen. So gingen wir sonntags in die Kirche, würden dabei jedoch ganz vergessen, dass Sonntag ursprünglich der Tag gewesen sei, an dem wir die Sonne angebetet haben. Ich kann den Film ausnahmslos jedem empfehlen, vor allem aber denjenigen, die Christopher Lee in seiner frühen Paraderolle sehen wollen.

Half Light (2006)

Rachel Carlson (Demi Moore) ist erfolgreiche Kriminalautorin und lebt mit ihrem fünfjährigen Sohn Thomas und ihrem zweiten Ehemann, dem Lektor Brian (Henry Ian Cusick), der sich – weniger erfolgreich – an der Schriftstellerei versucht, in London. Als Thomas bei einem Unfall ertrinkt, gibt sich Rachel selbst die Schuld, was in eine Schreibblockade wie auch eine zerrüttete Ehe endet. Um ihren Roman fertigzuschreiben und emotional abzuschließen, zieht Rachel nach Schottland, in eine einsame Hütte nahe dem abgelegenen Küstendorf Ingonish Cove, glaubt jedoch weiterhin, Erscheinungen ihres Sohnes zu sehen. Bei einem Spaziergang durchs Dorf begegnet Rachel einer Dame, welche ihr mitteilt, dass ihr Sohn da sei, um ihr etwas mitzuteilen. Das restliche Dorf rät ihr allerdings, den Worten der Dame keine Bedeutung zu schenken. Um ihre Gedanken zu sammeln, fährt Rachel hinaus zum Leuchtturm, der einsam auf einer kleinen Insel vor der Küste steht. Dort lernt sie Angus, den Leuchtturmwärter kennen, mit dem sich schnell eine romantische Beziehung ergibt. Als Rachel jedoch aus dem Dorf etwas über Angus erfährt und Nachforschungen anstellt, sind die Dinge plötzlich nicht mehr so, wie sie zu sein scheinen…

Half Light beginnt als klassische Geistergeschichte mit Romance-Einschlag, entwickelt sich aber in der zweiten Hälfte mehr und mehr zum Thriller. Mich spricht dieser Film aus mehreren Gründen an: Zunächst braucht der Film zwar ein wenig, um in Fahrt zu kommen, macht das allerdings durch wundervolle und stimmungsreiche Aufnahmen der walisischen Natur und Küstenlandschaft wieder wett (tatsächlich wurde der Film nämlich in Wales, nicht in Schottland, gedreht). Düstere Spannungsmomente werden zurückhaltend, jedoch stets gekonnt im richtigen Moment eingesetzt. In der zweiten Hälfte nimmt der Film dann an Tempo zu und hat einen Twist am Start, mit dem man in dieser Art nicht gerechnet hat. Gerade dieser Formwandel wie auch der angesprochene Twist machen den Film empfehlenswert. Insgesamt bietet Half Light eine sehr interessante Idee und eine wohlkonstruierte Story, die gekonnt auf den Höhepunkt zuzulaufen weiß. Man könnte dem Film vorwerfen, nicht ganz zu wissen, was er sein möchte, ich finde jedoch, dass ihn gerade diese Unbestimmtheit ansprechend macht. Cool ist außerdem auch, Henry Ian Cusick in der Rolle des Ehemanns Brian zu sehen. Viele von euch kennen ihn sicherlich als Desmond aus der Serie Lost.


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